Claudia am Meer Dünen

Meine Freundin hat Krebs – Meine erste Sterbebegleitung | Teil 1: Ein Anruf, der alles verändern sollte

  1. Juli 2025 sollte meine erste Sterbebegleitung beginnen.

Leiria/Portugal: Nichtsahnend sitze ich im Café und wollte ausnahmsweise mal wieder außer Haus arbeiten, da bekomme ich eine Sprachnachricht…

„Anne, es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Mir ging es nicht gut. Ich würde gern mal mit dir sprechen. Ich habe nicht so gute Nachrichten.“

Irgendetwas in mir wusste sofort, was los war.
Laptop zugeklappt, aufgestanden, rausgegangen und angerufen.

„…ich habe Krebs!“

Meine Freundin hat Krebs.

Dieser eine Satz sollte alles verändern.

Dieser Moment stellte den Anfang für meine erste Sterbebegleitung dar, für besondere Erfahrungen und nicht wenige Veränderungen.

Ein einziger Blogartikel reicht nicht aus, um diese Geschichte mit Dir zu teilen.
Eine wahre Geschichte über Freundschaft, Verbundenheit, Trauer in vielen Facetten und die Sterbebegleitung einer Freundin – um nur einzelne Punkte zu nennen.

Vielleicht bist Du gerade selbst an dem Punkt, an dem Du denkst:

„Meine Freundin hat Krebs – was tun?“

Vielleicht suchst Du Antworten, Halt oder einfach das Gefühl, mit Deinen Gedanken nicht alleine zu sein.

Dass Schreiben hilft, um Dinge noch einmal vor Augen zu bringen, ins Fühlen zu kommen und in Erinnerung zu halten, ist nicht neu. Mir nicht und Dir vielleicht auch nicht.

So möchte ich – nach den Monaten, die seitdem vergangen sind und zum Start meines Blogs und dem damit verbundenen Weg, Sterbeamme zu werden – diese Geschichte über Freundschaft, die Begleitung meiner sterbenden Freundin, Trauer in vielen Facetten und Weiteres in einzelnen Artikeln niederschreiben.

Die Frage, ob das okay ist – nicht zu privat oder persönlich – habe ich mir gestellt. Doch die Antwort kam schnell.

„Anne, ihr könnt ja einen Film über mich machen und berühmt werden!“, war eine von Claudias stets humorvollen Ideen. Was es damit genau auf sich hat, erfährst Du im Verlauf der Geschichte.

Vielleicht erkennst Du Dich in dieser Geschichte wieder

Vielleicht hast Du eine ähnliche Erfahrung gemacht und wirst Dich hier und da wiedererkennen. Oder aber Du spürst Gefühle in Dir, die so facettenreich wie die Welt an sich sein können.

Vielleicht findest Du in der Geschichte auch Mut, Inspiration und ein Stück Wahrheit darüber, dass das Sterben und der Tod genauso zum Leben gehören wie die Geburt und jeder Atemzug bis zum letzten.

Nach dem Anruf fühlte sich die Welt nicht mehr wie vorher an. Ich war sprachlos – ein Stück hilflos.

Wie kann das sein?
Meine Freundin wird sterben!
Ich werde sterben, alle werden sterben…

Neben der Fassungslosigkeit über die Diagnose meiner Freundin spürte ich, dass sich auch Ängste bezüglich meiner eigenen Vergänglichkeit wie ein Schleier über mich legten.

Zugegebenerweise hatte ich während der Wochen zuvor das Leben verflucht und mir das Ende nahezu herbeigewünscht. Dabei waren es keine konkreten suizidalen Gedanken, sondern eher eine Art Lebensmüdigkeit oder Erschöpfung von diesem verrückten Leben in dieser noch verrückteren Welt.

Kann man sich den Tod herbeiprophezeien? Klappt das mit dem Manifestieren leider auch ganz unbewusst?

Denn nachdem Claudias geliebter Partner nur wenige Jahre zuvor selbst an Krebs gestorben war, hatte sie den Wunsch, nur noch zehn Jahre zu leben – maximal – nicht selten ausgesprochen und sicher noch öfter gedacht.

Wenn eine Freundin Krebs hat, verändert sich plötzlich alles

(Und nicht nur dann. Natürlich auch, wenn Geschwister, Mutter oder Vater, ein Freund oder jede andere Person (oder ein Tier), dass Dir nahesteht, eine lebensbedrohliche Diagnose erhält.)

Solche eine Diagnose kann nicht nur Angst um den Betroffenen auslösen, sondern oft auch Angst bezogen auf das eigene Leben. Und das ist völlig okay. Nicht egoistisch. Nicht unfair. Es ist einfach so.

Der Tod tritt in bedrohliche Nähe.
Er ist nicht mehr irgendwo da draußen – bei den anderen. Er tritt ein in die Komfortzone, in die eigene Sicherheitszone. Ins eigene Leben.

Einfach wegzugucken ist plötzlich nicht mehr so einfach möglich wie sonst.

Wobei ich es gleichzeitig seltsam finde, dass Krimis, Thriller und Serien, in denen ständig getötet und gestorben wird, völlig normales „Entertainment“ sind. Aber gut – wir Menschen sind schon ein komisches Volk. 😉

Insgesamt weiß ich heute, dass das Potpourri an Gefühlen, das sich zeigen kann, vielfältiger ist als erwartet. Und vor allem durfte ich erfahren, wie unterschiedlich Menschen auf Situationen reagieren. Aber auch dazu später mehr…

Meine Freundin hat Krebs – was tun?

Eine einfache Art – und menschliche zugleich – ist es, vor lauter Überforderung, Fassungslosigkeit, Trauer oder Wut in einen Aktionismus zu starten, der oftmals seinesgleichen sucht.

So ging es auch mir.

Ab dem Moment, an dem sie ihre Diagnose mit mir geteilt hat, haben wir zunächst täglich telefoniert und Sprachnachrichten gesendet.

Natürlich hat sich auch ihr Leben von jetzt auf gleich komplett auf den Kopf gestellt.

Wie geht es weiter?
Geht es überhaupt weiter?
Was ist mit den Hunden?
Wie reagieren meine Eltern?
Wie lange kann ich noch zuhause leben?
Therapie ja oder nein?
Alternative Therapien – und wenn ja, welche?
Bankkonto, Versicherungen, Wohnung, Beisetzung…

Dazu muss ich unbedingt erwähnen, dass Claudia eine unfassbar sorgfältige Frau war. Sie regelte Dinge gern selbst, mochte kein Chaos, alles hatte seinen Platz und Selbstbestimmung war ihr extrem wichtig.

So lag es nahe, dass sie – da sie bei ihrem Partner bereits eine intensive Krebstherapie hautnah miterlebt hatte – genau wusste, was passiert, was ansteht und worum sie sich kümmern muss.

Außerdem hatte sie nur zwei Jahre zuvor selbst die Ausbildung zur Sterbeamme besucht, da sie sich nach ihren Erfahrungen intensiver mit dem Thema beschäftigen wollte. Auch deshalb wusste sie, was auf sie zukommt.

Und so gestalteten sich ihre Tage nach der Diagnose nicht als ruhiger Raum für Emotionen, sondern eher wie ein Marathon.

Glücklicherweise zog sehr zeitnah ihr Freund Julian zu ihr und belegte damit einen unglaublich wertvollen Platz in ihrem Leben, ohne den vieles im Alltag seit der Diagnose kaum möglich gewesen wäre.

Er war nicht nur ein Freund, sondern eine starke Schulter mit klarem Blick sowie unerschöpflicher Aufmerksamkeit und Geduld.

Danke, Julian!

Warum Handeln manchmal leichter ist als Fühlen

Aus der Ferne habe ich mich ins Tun gestürzt und auf ihren Wunsch ein PDF mit allen Infos zu ihren beiden Australian Shepherds erstellt.

Ihre Hunde Lasko und Bono waren mehr als nur Hunde – sie waren ihre treuen Begleiter, mit denen sie täglich mehrere Stunden draußen unterwegs war. Bis es nicht mehr ging…

So war es ihr Wunsch, die Menschen, bei denen die beiden später weiterleben würden, noch persönlich kennenzulernen und aufmerksam auszuwählen.

Auch wenn es diesbezüglich am Ende anders gekommen ist und das PDF nicht gebraucht wurde, habe ich gemerkt, wie gut es ist, etwas zu tun. Ins Handeln zu kommen.

In meinem Fall hatte Claudia sich das konkret gewünscht. Doch in Situationen wie diesen dürfen wir als Freunde oder Angehörige darauf achten, nicht in einen puren Aktionismus zu verfallen, der die sterbende Person überrumpelt, überfordert oder ihr das Gefühl gibt, nicht mehr selbstbestimmt zu sein.

Was ich einige Wochen später spüren durfte: Der persönliche Umgang mit der Situation – mit der Traurigkeit, der Fassungslosigkeit und den Ängsten – fühlte sich so viel leichter an, als ich bei Claudia vor Ort war statt tausende Kilometer entfernt.

Ich glaube, so geht es vielen Menschen.

Aus der Entfernung ist vieles schwieriger zu fassen. Zu „be-greifen“.

Hiermit möchte ich Dich ermutigen: Wenn Du gerade selbst an dem Punkt bist, an dem Du denkst „Meine Freundin hat Krebs – was tun?“, dann suche – wenn möglich und erwünscht – die Nähe und den Kontakt zu dem sterbenden Menschen, den Du liebst, statt auf Sicherheitsabstand zu bleiben.

„Kannst Du Dir vorstellen, mich zu pflegen?“

„Kannst Du Dir vorstellen, mich zu pflegen? Also bei mir zu sein? Ich möchte nicht im Hospiz sterben! Ich möchte zuhause sterben. Mit meinen Jungs an der Seite.“

Als Claudia mir diese Fragen in einem unserer ersten Telefonate nach ihrer Diagnose stellte, war mir direkt klar, dass es da keinen „Nein-Button“ gibt.

Natürlich.
Das war mir intuitiv sofort klar.

Aber klar waren da auch Sorgen.

Wie soll das gehen?
Kann ich das?
Kann ich so lange, auf unbestimmte Zeit, von zuhause weg?

Diese Fragen schrumpften innerhalb weniger Tage so sehr, dass ich sie mir irgendwann kaum noch stellte.

Ich wusste, dass ich das tun werde. Und ich hatte ein subtiles Gefühl davon, dass das eine besondere Erfahrung und eine Zeit mit weitreichender Tragweite werden würde.

Wir verabredeten, dass ich meinen bereits geplanten Deutschland-Aufenthalt im August um eine Woche verlängere und sie zunächst für eine Woche besuchen komme.

Wie das war, darüber werde ich im zweiten Teil dieser Artikelreihe schreiben – und erneut in meine Erinnerungen eintauchen.

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Es ist nie zu früh und irgendwann zu spät.

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