Ich sitze im Flugzeug – drei Stunden Langeweile.
Meine Idee: irgendwas machen. Produktiv sein. Die Zeit sinnvoll nutzen. Zum Beispiel ein paar neuen Gedanken über den Tod Raum geben.
Kurz vor Abflug habe ich mir überlegt, worüber ich einen Blogartikel schreiben könnte. Der Impuls aus meinem Gehirn: über die Angst vorm Sterben.
Damit habe ich mir vorab einen Anker gegeben.
Wartend am Gate habe ich meine Podcastliste durchstöbert und blieb bei einer Folge hängen: „Warum Unsicherheit nicht dein Feind ist … mit Joe Trenk“ aus dem Podcast Leben reicht.
„Die hör ich mir an!“
Beim Hören dachte ich, dass es doch irgendwie skurril ist, wie sich passende Dinge manchmal fügen.
Vielleicht kennst Du das selbst. Du setzt einen Impuls in Dein Leben und wirst daraufhin plötzlich mit Dingen gefüttert, die Dir passenderweise ins Leben fallen.
Ganz zufällig. 😉
Irgendwann in dieser Folge stellt Joe die Frage, ob wir das Leben eigentlich wirklich brauchen.
Und genau in diese Frage möchte ich eintauchen. Einfühlen. Reindenken. Als Anker in der Langeweile während des Fluges – und vielleicht auch als einen neuen Blick auf die Angst vorm Sterben.
Inhalt
ToggleWozu brauche ich das Leben?
Ich brauche das Leben, um meiner Seele die Möglichkeit zu geben, eine menschliche Erfahrung zu machen. Ohne meinen Körper könnte meine Seele nicht in der materiellen Welt existieren beziehungsweise für andere Menschen sichtbar handeln.
Meine Seele könnte nicht erfahren, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – geboren im September 1986 bis heute, einem Augusttag im Jahr 2026.
Möglicherweise war meine Seele schon einmal in einem menschlichen oder anderen Leben. Irgendwo auf diesem Planeten.
Das weiß ich nicht.
Aber ich glaube daran.
Damit habe ich für mich die Frage beantwortet, warum meine Seele das Leben braucht:
Für eine weitere menschliche Erfahrung.
Doch wer ist dann eigentlich dieses Ich?
Und wozu braucht das Ich das Leben?
Woher kommt die Angst vorm Sterben?
Ich, das sind für mich mein denkender Geist – mein Ego –, mein Körper und meine Seele.
Eine Fusion von drei Instanzen, die in genau dieser Form einmalig ist. Wenn sie mit dem Tod auseinanderfällt, ist diese einzigartige Verbindung zu Ende.
Für meine Seele ist das in meiner Vorstellung kein Problem. Ich glaube daran, dass sie weiter existiert. Dass sie frei ist.
Für meinen Körper und meinen denkenden Geist sieht das anders aus.
Mit dem Sterben zerfällt der Körper. Das Ego verliert den Ort, von dem aus es seinen Menschen steuern kann.
Der Körper hat Angst vor dem Tod. Seinem Ende.
Das Ego hat Angst vor dem Tod. Seinem Ende.
Zwei von drei.
Zwei Instanzen fürchten den Tod natürlicherweise. Eine Instanz ist in meiner Vorstellung frei, weil der Tod für sie nicht das Ende bedeutet.
Ich schließe daraus für mich, dass die Angst vorm Sterben schon fast etwas vollkommen Normales ist.
Etwas zutiefst Menschliches.
Ist die Angst zu sterben vielleicht einfach menschlich?
Bei Gefahr flüchten wir. Wir tun alles dafür, irgendwie zu überleben. Wir ringen nach Sicherheit und tun manchmal beinahe alles dafür, geliebt zu werden.
Wir passen uns bis zur Verzweiflung und Selbstaufgabe an. Überhören unsere Sehnsüchte, um die vermeintlich unbequemen Sicherheiten zu halten – vielleicht auch, um im Wahnsinn der Unsicherheiten und des puren Abenteuers nicht zugrunde zu gehen.
Unangenehme Gefühle zerdenken wir. Wir suchen in den Tiefen unserer Gedankenwelt nach rationalen Erklärungen für das, was gerade ist, und flüchten uns bei diesen gefährlich wirkenden Gefühlen gerne in den nächsten Dopamin-Kick.
Dabei frage ich mich:
Haben wir eigentlich sogar Angst vor dem Leben? Vor Unsicherheiten, Veränderungen…den typischen Ups&Downs.
Denken wir wirklich, dass wir dem Tod ausweichen können indem wir planen und bemüht sind, dem Unangenehmen zu entweichen. Nicht zu fühlen. Lieber zu denken.
Glauben wir, dass wir durch andauernden Pleasure das Sterben verhindern?
Ich glaube das nicht.
Und ich wage zu behaupten, dass ich damit recht habe.
Wir werden sterben. So oder so.
Unser Körper wird irgendwann nicht mehr hier sein. Unser Ego wird erloschen sein.
Und damit lande ich wieder bei meiner Ausgangsfrage:
Wozu brauchen wir das Leben?
Wozu brauche ich das Leben?
Gedanken über den Tod führen mich zurück zum Leben
Ich brauche das Leben, um eine Erfahrung als Anne zu machen. Als Tochter zweier Menschen, als Schwester, als Freundin und als Suchende.
Ich brauche das Leben, um die volle Bandbreite an Gefühlen zu erleben und um zu erfahren, was dieses Leben überhaupt ist.
Wenn es bei diesen zunächst sehr banal wirkenden Antworten für mich bleibt, verliert das Leben plötzlich ein wenig von seiner Ernsthaftigkeit.
Und das meine ich positiv.
Ich brauche das Leben nicht, um mir ständig den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ich noch mehr Sicherheiten kreieren kann. Wie „etwas aus mir wird“. Wie ich mich selbst verwirkliche. Wie ich besser werde. (Zumindest möchte meine Seele es dafür nicht nutzen, mein Ego tut’s aber trotzdem – mal lauter und mal leiser.)
Tatsächlich ist es doch so:
Ich bin. Und ich lebe. Vielleicht reicht alleine das schon aus.
Vielleicht brauche ich das Leben genau dafür.
So natürlich diese Erkenntnis gerade ihren Platz hier findet, so schwer fällt es mir oft, tatsächlich danach zu leben.
Ich möchte meinem Leben eine immense Bedeutung geben. Ich leide unter meinen Gedanken und Gefühlen und darunter, was andere möglicherweise über mich denken.
Ich leide unter dem Selbstvorwurf, mit fast 40 immer noch nicht angekommen zu sein in meinem Leben: kein beruflicher Erfolg, kein gut gepolstertes Bankkonto, keine Kinder, nicht verheiratet, ein Lebenslauf, für den ich mich manchmal schäme, kein Hochschulabschluss …
Aber:
Mit fast 40 auch schon oft den Mut gehabt, Veränderungen zuzulassen.
Voller Angst und dennoch voller Mut.
Immerhin.
Vielleicht ist das alles gar nicht so wichtig
Als ich kürzlich wieder tief in meinem Negativloch versunken war, hatte ich ein sehr schönes und heilsames Gespräch mit Julian.
Danke!
Er konnte einfach zuhören. Da sein. Und irgendwann teilte er etwas, was unsere Freundin Claudia oft sagte, als sie noch lebte.
Sinngemäß ungefähr:
Das ist doch alles gar nicht so wichtig hier. Stell Dir mal vor: Wir sind winzige Affen auf einem Sandkorn, das sich immens schnell dreht. Irgendwann ist jeder von uns weg.
Wortgetreu bekomme ich es nicht mehr zusammen.
Aber: Huch! Ja. Da hatte sie recht.
Sie ist schon weg.
Ich irgendwann auch.
Und nun?
Kann ein anderer Blick die Angst vorm Sterben verändern?
Brauche ich das Leben wirklich?
Ja.
Ich bin bereit für diese intensive und oftmals unangenehme Erfahrung. Meine Seele hat sich dazu irgendwann mal entschieden.
Ich möchte, dass meine Seele hier wächst und irgendwann, wenn es mich nicht mehr gibt, mit all diesem Wissen in ein neues Leben eintritt.
Oder dass sie sich einfach gesättigt zurücklehnt, das menschliche Treiben aus der Ferne betrachtet und denkt:
Mir reicht’s erstmal.
Vielleicht können wir mit diesem reduzierten Gedanken dem Leben ein bisschen weniger Bedeutung geben – im positiven Sinne.
Nicht indem uns alles egal wird.
Sondern indem wir vielleicht ein wenig damit aufhören, das Leben zu zerdenken und zu versuchen, Gefühle mit Gedanken auszuradieren.
Indem wir nicht jede Unsicherheit bekämpfen und nicht an allem festhalten, nur weil uns das Bekannte vermeintlich Sicherheit gibt.
Und vielleicht auch, indem wir die Angst vorm Sterben nicht unser ganzes Leben bestimmen lassen.
Denn egal, wie viel Sicherheit wir erschaffen, wie viele Gedanken wir denken und wie gut wir unser Leben planen:
Sterben werden wir trotzdem.
Vielleicht muss der Tod deshalb nicht ausschließlich dieses unheimliche Ende sein.
Vielleicht können wir darin auch eine Form von Freiheit erkennen.
Vielleicht geht es ganu einfach darum, die Angst vor dem leben zu verlieren und im Zuge dessen die Angst vor dem Sterben und dem folgenden Zustand „Tod“.
Angst vorm Sterben – und trotzdem leben
Ich glaube nicht, dass ich meine Angst vor dem Leben und dem Sterben vollkommen aufgelöst habe. Beides hat etwas unheimliches. unkontrolliertes. Mysteriöses. Nicht greifbares.
Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Vielleicht müssen wir das nicht.
Vielleicht darf die Angst vorm Sterben zu einem gewissen Teil da sein, weil wir Menschen sind, deren Körper leben möchten.
Interessanter finde ich eine andere Frage:
Was mache ich mit der Zeit davor?
Verbringe ich mein Leben damit, möglichst viele Sicherheiten aufzubauen, damit bloß nichts Unvorhergesehenes passiert?
Oder lasse ich mich auf diese ziemlich verrückte Erfahrung ein, solange ich hier bin?
Ich bin jedenfalls unfassbar neugierig, welche Gedanken und Gefühle bei Dir auftauchen, wenn Du Dir die Frage stellst:
Wozu brauchst Du das Leben?
Schreib mir gerne eine Mail an hallo@anne-isaac.de.
Kurz oder lang. Lange überlegt oder spontan.
Einfach irgendwie.
In between – der Newsletter
Für alle, die dem Tod einen freundlichen Platz im Leben geben möchten.
Es ist nie zu früh und irgendwann zu spät.
