- Oktober 2025 – nur zehn Tage, nachdem ich bei Claudia eingezogen bin, hat sie sich auf den Weg gemacht. Die letzten Tage vor dem Tod meiner Freundin waren nicht mehr abzuwenden. Sichtbar. Fühlbar. Hörbar.
Innerhalb der letzten Tage hatte sie bereits viel Kraft verloren, ihr Körper wurde immer weniger. Sie aß und trank nur noch sehr wenig.
Ich fand es unfassbar, sehen zu können, wie schnell der sichtbare Körper weniger wird. Wie schnell der Körper in sich zusammenfällt – die Haut an Spannkraft verliert, Knochen sichtbar werden und sich so die ganze Erscheinung verändert.
Obwohl ich als Krankenschwester bereits sehr viele Menschen habe sterben sehen, ist es etwas ganz anderes, wenn eine Freundin oder eine andere Person stirbt, die man schon lange kennt.
Das, was sie in ihrem Körper war, fiel immer mehr aus der bekannten Form.
Obwohl es schmerzhaft und traurig war, fand ich es in diesem Fall so wertvoll, das Sterben von Claudia so eng mitzuerleben zu dürfen. Weil sie es sich gewünscht hat…
Sie wollte zuhause sterben und durch unsere kleine kurzzeitige 3er-WG war das möglich.
Seit ich sie kenne, war sie für mich eine Art große Schwester, die ich mal mehr und mal weniger gesehen habe – so wie das manchmal ist im Leben. Doch da war immer diese enge Verbindung und ich durfte von ihr so viel lernen – im wahrsten Sinne des Wortes bis zu ihrem letzten Atemzug und darüber hinaus.
In diesem letzten Teil meiner Erzählung über das Sterben meiner Freundin an Krebs erzähle ich, wie ich die letzten Tage vor dem Tod wahrgenommen habe.
Es ist so viel in meinem Kopf – so viele Details, so viele Gefühle und Gedanken, die hier nicht alle ihren Platz finden werden. Doch ich möchte diese Geschichte erzählen, um dich zu ermutigen, die letzten Tage vor dem Tod auf eine neue – vielleicht ganz andere Weise – zu betrachten.
Es geht hier nicht um richtig und falsch, um Bewertungen. Jeder Mensch stirbt anders. Denn auch jeder Mensch lebt anders.
Die letzten Tage vor dem Tod beginnen
Mit dem Moment, an dem sie zwei Tage vorher ihr Pflegebett bekommen hat, in dem sie nun endlich viel besser liegen konnte, begannen ihre letzten Tage. Das war uns allen klar. Claudia wusste das und wir wussten es auch.
Sie wollte und konnte kaum noch aufstehen, ihre Schlafphasen wurden häufiger und länger. Wenn sie wach war, dann blickte sie immer wieder ins „Nichts“, so, als ob sie Dinge sehen würde, die für unsere Augen unsichtbar waren.
So richteten wir ihr ihren Bettplatz mit persönlichen Gegenständen ein. Ihre Lieblingsmusik lief im Hintergrund, den neuen Raumduft, den sie erst kürzlich gekauft hatte, platzierten wir im Schlafzimmer.
Die Stimmung in der Wohnung veränderte sich.
Alle Menschen, die noch kamen, wussten, was gerade passiert.
Am 10. Oktober wurde sie anders als an allen anderen Morgen zuvor nicht mehr wirklich wach. Wir wussten, dass Claudia noch lebt, denn ihr Körper war noch warm und ihr Atem deutlich sicht- und hörbar.
Wir ließen sie schlafen und rüttelten sie nicht wach. Als Krankenschwester konnte ich erkennen, was los ist und konnte sehr ruhig bleiben. Dennoch haben wir Thimo aus dem Palliativteam angerufen, um ihm die Veränderung mitzuteilen. Er kam vorbei und bestätigte unsere Vermutung: Claudia hat sich jetzt auf den Weg gemacht.
Es herrschte Frieden.
Ihre Eltern wurden benachrichtigt und sie kamen schnell.
Da Claudia mehrfach geäußert hatte, dass sie gerne alleine sein möchte, wenn ihr finaler Sterbeprozess begonnen hat, haben wir sie immer wieder alleine gelassen. Einfach, um ihren Wunsch zu respektieren und zu erfüllen.
Natürlich fiel es jedem mal mehr und mal weniger schwer, Claudia wirklich alleine zu lassen. Das widersprach einem menschlichen „Verhaltenskodex“, Sterbende oder hilfsbedürftige Menschen nicht alleine zu lassen.
Ich habe mir immer wieder klargemacht: Das ist Claudias Sterbeprozess und ihr vielfach geäußerter Wunsch.
Jeder Mensch hat das Recht auf Selbstbestimmung – auch was das Sterben und die letzten Tage vor dem Tod betrifft.
Etwas überraschend, jedoch nicht ungewöhnlich, blühte Claudia an diesem Tag noch einmal auf…
Das letzte Aufblühen vor dem Tod
Viele Menschen berichten von einem letzten Aufblühen vor dem Tod. Auch bei Claudia konnten wir dieses Phänomen beobachten. Wie lange ein solches letztes Aufblühen vor dem Tod anhält, scheint sehr unterschiedlich zu sein. Bei Claudia waren es nur wenige Stunden.
Sie wurde wach und es schien ein bisschen so, als sei sie von einer längeren Reise zurückgekommen.
Sie sprach recht klar und war vollständig orientiert.
Sie fragte nach Wasser zum Trinken, konnte ihre Schmerzen äußern und konnte sich selbst über ihre Schmerzpumpe zusätzliche Schmerzmittel bei Bedarf verabreichen.
Sie las – wenn auch mit Mühe – ein paar WhatsApp-Nachrichten, die sie selbst nicht mehr beantworten konnte (und wollte).
Eine ihr sehr enge Freundin hatte gefragt, ob sie noch einmal kommen darf. Ich sollte ihr mitteilen, dass sie kommen soll, um sich zu verabschieden. Denn:
„Das geht jetzt schnell!“
Am Abend desselben Tages äußerte sie wieder den Wunsch nach einem bestimmten Wassereis, das sie aus ihrer Kindheit kannte. Geschmack: Cola!
Julian hatte am Tag vorher schon alles gegeben, genau dieses Eis zu bekommen – doch erfolglos. Er hatte ein anderes Wassereis gekauft. Jedoch war ihr das viel zu süß – es war eben nicht das, das sie meinte. 😉
Ich ließ meiner Kreativität daraufhin freien Lauf und habe das Eis geschmolzen und mit stillem Wasser verdünnt, eine Klopapierrolle als Formgeber genutzt und die verdünnte Flüssigkeit in einer Plastiktüte zum Einfrieren in die Klopapierrolle gesteckt.
…so hatten wir am Abend ein DIY-weniger-süßes-Cola-Wassereis aus einer Klopapierrolle.
Genau dieses Eis war Claudias letztes Festmahl – im wahrsten Sinne des Wortes.
Sie biss große Stücke herzhaft ab und wir hatten zu dritt unseren Spaß dabei. Dieser Moment war wunderschön und unvergesslich – so echt, lebendig und humorvoll.
Dieser Abend endete irgendwann spät. Claudia ist wieder „losgereist“ und hat sich in der anderen Welt schon mal umgeschaut. Julian und ich haben reflektiert, konnten über unsere Gefühle reden und nacheinander ein warmes Bad nehmen.
Ein weiterer Tag vor dem Tod
Es wurde Samstag und Claudias Zustand hatte sich weiterhin verändert.
Ich möchte bewusst nicht „verschlechtert“ schreiben, denn es war in meiner Wahrnehmung ein natürlicher Prozess, in dem es nur eine Richtung gibt. Und auf dem Weg in diese Richtung verändern sich Dinge:
- Sie war noch schläfriger.
- Konnte sich verbal kaum noch äußern.
- Ihr Körper wurde immer weniger.
- …
An diesem Tag haben wir alle damit gerechnet, dass „es nicht mehr lange dauert“. Vor allem auch, weil Claudia das am Vortag selbst so ausgedrückt hat.
Wieder kamen auch ihre Eltern und wieder haben wir ihr immer wieder Momente des Allein-Seins ermöglicht. Es war ein langer Tag mit vielen Gefühlen jeglicher Art.
Es war mir wichtig, einen Moment mit ihr alleine zu sein, um mich zu verabschieden.
So saß ich neben ihr auf der Bettkante und habe mich bedankt für all das, was wir zusammen erlebt haben. Für ihre Präsenz und ihr Sein. Habe Erlebnisse reflektiert und meinen Erinnerungen Raum gegeben.
Ein Moment, an dem meine Tränen heraus wollten – und ich ließ sie laufen.
„Ich weiß, dass du es nicht magst – diese Abschiede – und dass Leute so sehr weinen. Doch sorry, das muss jetzt raus…“
Auch an diesem Tag war es mir wichtig, rauszugehen, Luft zu schnappen, in die Bewegung zu kommen, um einen Moment Abstand zu bekommen und das, was gerade passiert, einzuordnen.
Diese gewisse Vogelperspektive hat mir sehr geholfen, mit beiden Füßen auf der Erde zu bleiben.
Wie sagt man so schön:
„Wenn man mitten im Wald steht, sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.“
Da wir mit der Situation gingen, konnten wir an ihrem Gesichtsausdruck oder ihrem Atemmuster erkennen, ob sie möglicherweise zunehmende Schmerzen hatte. Auf unsere Fragen, ob dem so sei, konnte sie sich ganz leise und knapp äußern, sodass wir ihre Schmerzpumpe bedienen konnten.
Ebenso signalisierte sie uns Durstgefühle. Zu Beginn konnten wir ihr noch ein Glas an den Mund halten und als das nicht mehr ging, da ihr Körper immer mehr an Kraft verloren hatte, haben wir Mundpflegestäbchen mit Wasser getränkt, um ihren Mund feucht zu halten und ihr Durstgefühl zu lindern.
So endete der Tag wie am Vorabend.
Claudias Seele lebte noch in ihrem Körper. Sie war stets irgendwo dazwischen. Nicht mehr richtig hier und auch noch nicht woanders.
Noch ein letzter Tag vor dem Tod
Ein weiterer Tag nach einer kurzen Nacht.
Ihre Seele schien immer weniger anwesend und ihr Körper wollte noch nicht aufgeben.
Ihr Atem war stark, ebenso ihr Herz.
Ihr Körper lebte.
Alles andere schien sich weiter zurückzuziehen. Ihre Sinne, ihr ganzes Sein.
Auf Fragen bezüglich Schmerzen oder Durst konnte sie verbal nicht mehr eingehen. So habe ich ihr angeboten, bei „Ja“ ganz leicht meine Hand zu drücken. Das ging vorübergehend dann erstaunlich gut.
Als ich auf die Bilder schaute, die neben ihrem Bett standen, war so klar erkennbar, wie sehr sich ihr äußeres Erscheinungsbild in so kurzer Zeit verändert hatte.
Ich glaube, wenn man so nah dran ist, ist das nicht immer klar erkennbar. Ein bisschen so wie bei Kindern, die stetig wachsen, was dann meist denjenigen auffällt, die sie nicht täglich sehen.
Ihre Eltern kamen und auch der Palliativpfleger kam vorbei, um die Situation zu beurteilen.
„Es kann schnell gehen oder auch noch Tage dauern. Ihre Vitalorgane sind jung und fit…“
Obwohl wir wussten, dass Claudia sterben wird, wusste niemand, wie viele letzte Tage vor dem Tod ihr noch bleiben würden. Stunden? Tage? Vielleicht sogar eine Woche? Diese Ungewissheit gehörte für uns alle zu dieser Zeit dazu.
Die Situation war angespannt. Menschen auf engem Raum, die alle das Beste wollen und sich vorher nicht kannten.
Konflikte blieben leider nicht aus, sodass ich in einer Situation wusste, dass nun jemand die Lage entschärfen muss.
Ich habe das Palliativteam angerufen und wenig später kam die zuständige Ärztin, um „für klar Schiff“ zu sorgen.
Dafür war ich sehr dankbar.
Nicht nur, weil es eh schon emotional genug war, sondern auch, weil es mir wichtig war, dass eine friedliche und respektvolle Atmosphäre herrscht.
Ein weiteres Mal wurde es dunkel – eine weitere Nacht brach an…
Ein neuer Morgen vor dem letzten Tag
Der dritte Tag begann und es schien schon ein wenig „Normalität“ einzukehren.
Claudia lag in ihrem Bett, ihre Atemgeräusche legten sich wie ein Schleier über alles und nach einem ruhigen Morgen zu dritt kamen auch an diesem Tag ihre Eltern und der Palliativdienst vorbei.
Es war nicht zu leugnen, dass sich die Situation anspannte.
Wir alle waren erschöpft.
Wie geht es weiter?
Gibt es noch etwas zu tun?
Was ist richtig?
Geht es Claudia gut?
Ist noch etwas ungeklärt? Vielleicht, was mit ihren Jungs passiert?
„Für Lasko und Bono konnte Sandra schon neue Frauchen finden.“
Sprachen wir ihr zu.
Bei all den anderen Fragen erinnerte ich mich immer daran, was Claudia sich wünschte, was ihr wichtig war und auch daran, dass sie keine Angst hatte vor dem Tod.
Auch wenn es mir oft schwer gefallen ist oder ich es ganz einfach vergessen habe, erinnerten Julian und ich uns immer wieder gegenseitig daran, dass Claudia es sich gewünscht hat, jetzt und hier Zuhause zu sein und das wir beide bei ihr sind. So war also schon ganz viel richtig.
Um für Entlastung zu sorgen und auch um ihre Privatsphäre zu wahren – so war es vorab besprochen – haben wir kurzerhand mithilfe des Palliativteams auch ein Pflegeteam organisieren können.
So kam an diesem Morgen zum ersten Mal eine Pflegerin, die eine leichte Körperpflege übernommen hat.
Sie selbst war emotional berührt von der Situation.
„Es ist einfach etwas anderes, wenn so ein junger Mensch stirbt.“
Weitere Stunden vergingen, in denen wir bei ihr saßen, sie alleine ließen und Mimik, Atmung und Energie im Raum beobachteten.
Leben und Sterben unter einem Dach
Zwischendurch saß ich mit Julian in der Küche nebenan, wir aßen etwas … und fanden es so skurril.
„Wir sitzen hier und essen Pasta, während Claudia sichtbar im Nebenzimmer liegt – sterbend.“
Heute finde ich es nicht mehr skurril, denn ich habe verstanden, wie wichtig es ist, auch in den krassesten Situationen Momente der Normalität zu gestalten.
Das ist Leben.
Und so hatte es auch etwas Friedliches – sehr Verbindendes, Lebensnahes:
Leben und Sterben unter einem Dach.
Der letzte Atemzug
Gegen Abend wurde ihr Atem immer schwerfälliger.
Die Pflegerin, die zur Abendpflege kam, hat von einer Körperpflege abgeraten. Auch wir konnten erkennen, dass das jetzt nicht das ist, was gebraucht wird.
Nach einem weiteren emotionalen Gespräch verabschiedete sich die Pflegerin und Julian und ich wussten – so klar und doch unbewusst –, dass das Ende greifbar nah ist. Greifbarer als an all den Tagen zuvor.
Aus meiner Zeit als Krankenschwester kannte ich das Atembild.
Wir riefen Thimo, den Palliativpfleger, an und schilderten ihm die Situation.
„Claudias Atem ist schwer und kurz.“
„Okay. Ich bin in 20 Minuten bei euch.“
Wir gingen zurück zu ihr – vielleicht, um uns ein letztes Mal zu verabschieden und sie dann, so wie sie es sich gewünscht hattet, alleine mit ihren Jungs zu lassen.
Während wir an ihrer Bettkante saßen – Julian rechts und ich links – nahm sie drei tiefe Atemzüge.
Ich schaute Julian an und nickte.
„Gute Reise, Claudia.“
„Wir lieben Dich.“
Claudia ist an diesem Abend nach vier langen Tagen gestorben.
Nicht alleine.
Denn Wünsche können sich auch in den letzten Minuten ändern.
Bis hierher zu schreiben war eine kleine Reise zurück in diese Tage und nicht alles – jedes kleinste Detail – hat seinen Platz gefunden.
Einige Dinge sind zu intim und dürfen in den Erinnerungen derjenigen weiterleben, die sie miterlebt haben. Vielfältig und individuell.
An dieser Stelle möchte ich diesen Teil beenden.
In Teil 5 lasse ich die Zeit nach dem Moment des Todes Revue passieren.
Die letzten Tage vor dem Tod sind an dieser Stelle zu Ende erzählt.
Wenn Dir jetzt etwas auf der Seele liegt – vielleicht Deine Geschichte, Ängste oder Sorgen, schreibe mir gerne an hallo@anneisaac.de
In between – der Newsletter
Für alle, die dem Tod einen freundlichen Platz im Leben geben möchten.
Es ist nie zu früh und irgendwann zu spät.
