- Oktober 2025 – mit großem Koffer bin ich zurück nach Deutschland geflogen. Für wie lange – das wusste ich nicht. Niemand wusste das.
Nachdem Claudia und ich im September nur selten telefoniert hatten, weil sie müde und schwächer wurde, konnte ich mir denken, dass sich ihr Zustand im Vergleich zu unserer gemeinsamen Woche im August verändert hat.
Und so war es.
Nur einen Tag, bevor ich kam, hatte sie eine Schmerzpumpe mit Morphin bekommen, da ihre Schmerzen durch den immer größer werdenden Tumor der Bauchspeicheldrüse unerträglich wurden.
Übelkeit und starke Verdauungsprobleme kamen hinzu.
Ich merkte deutlich, dass sich ihr Zustand verschlechterte – und sie selbst merkte es auch.
Dass meine Freundin an Krebs stirbt, wurde in diesen Tagen immer greifbarer.
Von gemeinsamen Ausflügen war keine Rede mehr. Auch ihre Nahrungsaufnahme stellte sich mehr und mehr ein – ganz einfach, weil Claudia keinen Appetit mehr verspürte und jegliche Nahrungsaufnahme oft zu noch mehr Übelkeit führte.
Obwohl es nicht immer einfach war, das mit anzuschauen, haben wir nicht versucht, sie zu überreden.
Claudia wollte und sollte selbst bestimmen, was sie zulässt und was nicht.
Kleine Wünsche wie Schokopudding oder Kinder Pingui haben wir ihr erfüllt und all das gekauft, worauf sie Lust hatte. Auch wenn diese Dinge in den meisten Fällen unberührt im Kühlschrank blieben.
Inhalt
ToggleWenn eine Freundin (oder jemand anders) an Krebs stirbt, zählt plötzlich nur noch das Wesentliche
Die Besuche wurden weniger – weil sie keine Energie mehr hatte.
Dafür kamen Thimo oder ein Kollege vom Palliativteam regelmäßig vorbei und immer dann, wenn es notwendig war.
Obwohl sie Kollegen und teils Freunden gesagt hatte, sie wolle keinen Besuch, kam eine Kollegin, die es eigentlich nur gut meinte, unangemeldet vorbei und Claudia war richtig „böse“ – insofern sie das überhaupt sein konnte.
„Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht kommen.“
Ich konnte beide Seiten verstehen.
Einerseits ihre Kollegin, die einfach noch einmal persönlich vorbeischauen wollte – vielleicht auch, um die Realität wirklich zu begreifen.
Und auch Claudia, der all das viel zu viel war.
Denn auch für sie war fast jeder Besuch gleichzeitig ein Abschied für immer.
Das wusste sie vermutlich besser als alle anderen.
Wenn die eigene Freundin (oder andere liebe Menschen) (an Krebs) sterben, bekommen Begegnungen plötzlich ein ganz anderes Gewicht.
Sterbebegleitung bedeutet oft einfach nur da zu sein
So standen mit jedem Tag viele Gefühle im Raum. Bei uns allen. Bei Julian, ihren Eltern, Claudia, mir und allen anderen Betroffenen.
Wobei Claudia meist diejenige war, die am ruhigsten war – in ihrer Mitte.
Ich erinnere mich an einen Moment kurz bevor der Palliativpfleger kam, um die Schmerzpumpe zu erneuern.
Sie hatte so starke Schmerzen und lehnte jegliche Hilfestellung ab.
Ich fühlte mich so hilflos.
Ich starrte gegen die Wand und sie fragte mich, was los sei.
„Ich fühle mich so hilflos und es tut mir so weh zu beobachten, wie du leidest…“
„Es ist alles gut. Du musst nichts tun. Alleine dass du da bist, ist so viel wert.“
Das zeigte mir, dass es oft gar nicht darauf ankommt, wahnsinnig viel zu tun.
Sondern dass es häufig das stille, akzeptierende Dasein ist, das unterstützt.
Ohne Bewertung. Ohne Ratschläge. Ohne „Du musst kämpfen“.
Meine Freundin stirbt an Krebs – und jeder Tag ist anders
Mit einer Handvoll Menschen hielten Julian und ich engen Kontakt. Vor allem zu denjenigen, die seit vielen Jahren eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielten – zum Beispiel ihre älteste und engste Freundin aus der Schulzeit.
Das wusste Claudia und sie war damit einverstanden.
Obwohl ich weiß, dass es für mich viel einfacher war, vor Ort zu sein als auf Distanz, war es oft schwer zu beobachten, wie sie immer weniger wurde.
Dass Claudia an an ihrem Krebs bald sterben wird, war längst keine abstrakte Vorstellung mehr.
Es wurde sichtbar. Körperlich. Emotional. Jeden einzelnen Tag.
Gefühlt kam jeden Tag etwas Neues hinzu:
Ödeme in den Beinen.
Mehr Schmerzen und mehr Schmerzmittel.
Mehr Momente geistiger Abwesenheit.
Weniger Interesse am Außen.
Es gab keine Routinen mehr, weil jeder Tag anders war.
Um jeden Tag ein kleines bisschen Abstand zu bekommen und meine Gedanken zu sortieren, war es mir wichtig, täglich spazieren oder joggen zu gehen.
Es ist so wichtig, auch in den traurigsten Situationen und obwohl man emotional stark involviert ist, auf sich selbst zu achten.
Denn nur wenn es uns selbst einigermaßen gut geht, können wir wirklich für andere da sein.
So ist es ja in vielen Lebensbereichen.
Würde, Nähe und kleine Momente voller Leben
Obwohl Claudia zuvor wahnsinnig gerne baden ging und die Ruhe im warmen Wasser liebte, war das aufgrund ihrer Schwäche kaum noch möglich.
Beim Duschen wurde sie unterstützt – und das war ihr zunächst sehr unangenehm.
Diese immer größer werdende Abhängigkeit.
Dafür genoss sie es danach, im Sessel sitzend die Haare geföhnt zu bekommen.
Auch ich genoss das, weil ich aktiv etwas tun konnte.
Trotz ihrer zunehmenden Schwäche hatte Claudia ein Ritual, das sie bis zum Ende liebte:
Eine Zigarette draußen im Campingstuhl vor der Haustür und dazu ein Kaffee.
Nun könnte man meinen:
„Oh Gott, wie ungesund!“
Doch in solch einem Stadium machen ein paar Zigaretten keinen wahnsinnigen Unterschied mehr.
So dachte sie und so dachten wir.
In diesen Tagen ging es nur noch darum, Claudias Selbstbestimmung zu wahren.
Ihre Lebensqualität auf jede nur mögliche Weise zu erhalten.
Und wenn Genuss möglich war – dann her damit. Egal wie und egal was.
Zwischen Abschied und Normalität
Abends haben wir uns gern im Wohnzimmer aufgehalten und einen Film oder eine Serie geschaut – das mochte sie.
Obwohl es wirklich schwierig war, etwas Passendes zu finden, weil sie extrem kritisch war und vieles schon gesehen hatte. 😉
Das waren immer wieder humorvolle und lebensnahe Momente, die etwas von Normalität hatten.
Dabei konnten wir täglich beobachten, wie sie immer häufiger einschlief, abwesend wirkte und immer wieder verwirrt über Raum und Zeit war.
Es wirkte so, als hätte sie immer mal wieder schon einen Blick in die Anderswelt geworfen oder schon Kontakt mit ihr aufgenommen.
Claudia verbrachte immer mehr Zeit im Bett.
Sie wurde von Tag zu Tag wackeliger auf den Beinen und brauchte Unterstützung, um nach draußen zu gehen – für ihr Zigaretten- und Kaffeeritual.
Das Pflegebett und der Beginn ihrer letzten Reise
Am 7. Oktober war der Geburtstag von Lasko – einem ihrer Hunde – und ihre Freundin Sandra war zur Feier des Tages eine lange Runde mit ihm am Strand spazieren.
Als Sandra mit Lasko zurückkam, saßen wir noch gemeinsam im Wohnzimmer.
Wir alle spürten, dass Claudia weniger „anwesend“ war. Dass sie weniger Reaktion und Gefühl zeigte als normalerweise, wenn es um ihre Jungs ging.
Aufgrund der konstanten Schmerzen trotz Morphin-Pumpe war es schwierig für sie, lange zu sitzen oder zu liegen und wir waren alle heilfroh, als einen Tag später endlich das langersehnte Pflegebett geliefert wurde.
Mit der Lieferung des neuen Bettes passierte etwas.
Claudia hatte einen bequemen Platz gefunden.
Und sie durfte beginnen, sich wirklich auf ihre Reise zu begeben.
Wie ich diese letzten Tage erlebt habe und wie sich das Sterben meiner Freundin angefühlt hat, erzähle ich in Teil 4.
(Hier geht es zu Teil 1 undTeil 2.)
Gerne sende mir ein Mail, wenn Du Fragen hast oder Dir sonst etwas auf dem Herzen liegt. hallo@anneisaac.de
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Es ist nie zu früh und irgendwann zu spät.
