Claudia am Meer Teil 2

Zuhause sterben – Meine erste Sterbebegleitung | Teil 2: Wiedersehen im Leben

  1. August 2025 – in einem kleinen nordfriesischen Dorf steige ich aus der Bahn und Julian holt mich ab. Wir haben uns noch nie gesehen – bloß einmal telefoniert, nachdem Claudia uns miteinander verbunden hatte.

„Ihr werdet künftig bestimmt mehr miteinander zu tun haben.“

Und nun saßen wir im Auto. Unbekannt und dennoch bekannt. Unwissend und wissend zugleich, dass das, was ist, unbegreifbar und dennoch „ganz das Leben“ ist.

Worüber redet man jetzt im Auto? Mit einer doch irgendwie fremden Person, mit der nun „gezwungenermaßen“ diese krasse Verbindung besteht?

Fassung bewahren? Optimismus zeigen? Fakten auf den Tisch legen? Von den eigenen Gefühlen reden? Still sein? …

Obwohl ich sehr viel Kontakt mit Claudia hatte, wusste ich nicht genau, was mich erwartet.

Ich hatte Claudia lange nicht gesehen. Ihr neues Zuhause an der Nordsee kannte ich noch nicht.

Wie oft schon habe ich Freundinnen – auch nach langer Zeit – irgendwo besucht oder wiedergetroffen.

Aber ein Wiedersehen – jetzt so „aus dem Nichts“ aufgrund der Diagnose Krebs – das war neu. Das war unbekannt. Das war – ja – auch unheimlich.

In diesem zweiten Teil meiner ersten Sterbebegleitung geht es um eine ihrer letzten Wochen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs – und um ihren großen Wunsch, zuhause sterben zu dürfen.

Denn zuhause sterben bedeutete für Claudia nicht nur, nicht ins Krankenhaus zu müssen. Zuhause sterben bedeutete für sie Selbstbestimmung. Ihre Hunde um sich haben. In ihrer vertrauten Umgebung sein. Mensch bleiben – bis zum Schluss.

Viele Menschen wünschen sich, zuhause sterben zu dürfen. Doch wenn dieser Wunsch plötzlich real wird, verändert sich alles.

Welche Veränderungen waren sichtbar und bemerkbar?

Was ging noch und was nicht mehr?

Wie lebten wir zusammen? Welche Wünsche durften und konnten erfüllt werden – und welche nicht?

Wiedersehen

Wir hielten noch kurz beim Edeka an, weil Claudia einen bestimmten Essenswunsch hatte. Was genau das war, habe ich vergessen.

Sicherlich kein Käse, denn den hatte sie nach ihrer Diagnose neben anderen Lebensmitteln schnell vom Kühlschrank verbannt. Zumindest vorübergehend. 😉

Als wir dort ankamen, begrüßte sie mich herzlich und wie immer mit einem Lächeln. Ihre Jungs waren aufgeregt und die Wohnung somit voller Leben.

Ich war unfassbar froh, dort angekommen zu sein und gleichzeitig spürte ich in mir eine Art Hilflosigkeit.

Was sagen? Was tun?

Da ich es einfach nicht wusste, war ich einfach wie immer. Ich habe den Krebs nicht direkt angesprochen – er war ja eh da und Claudia war mehr als ihre Krankheit.

Irgendwann war sie müde und legte sich aufs Bett.

Ich legte mich zu ihr und wir sprachen. Über sie, über mich, über den Krebs und auch über ihren Abschied. Im Hintergrund lief die Spotify-Playlist mit dem Namen „Seebestattung“, die sie bereits begonnen hatte zu erstellen.

Sie bedankte sich, dass ich gekommen bin und erwähnte mehrfach, dass ich das nicht machen müsse, wenn es mir zu viel ist.

Claudia war ein sehr achtsamer und verständnisvoller Mensch und eine Freundin, die bedingungslos liebte.

Spätestens als ich mit ihr dort lag, wusste ich, dass ich genau hier genau richtig bin. Das war einer der Momente, in denen sich in mir etwas daran erinnerte, wozu ich hier bin.

Ohne zu wissen, wie das alles geht. Wie alles wird…

„Ich hoffe, mir geht es gut die kommenden Tage und wir können noch was Schönes machen.“

Die Tage waren voll.

Julian und ich haben unsere Arbeit, die wir beide ortsunabhängig erledigen konnten, so gut es ging weitergeführt – auch, um ein Stück Normalität zu halten.

Claudia hat sich viel ausgeruht. Die Hunde mussten raus. Termine standen an.

Wir bewegten uns flexibel zwischen Wünschen, Ideen, dem, was möglich war und dem, was erledigt werden musste.

Zuhause sterben heißt nicht, auf Leben zu verzichten

Claudia wollte zuhause sterben.

Nicht im Hospiz. Nicht in einem sterilen Krankenhauszimmer.

Zuhause. Mit ihren Jungs an der Seite. Mit Lasko und Bono an ihrer Seite.

Und gleichzeitig wollte ein Teil von ihr noch ein bisschen bleiben.

Das habe ich vor allem beim Thema Ernährung gespürt.

Buchweizen statt Pasta.
Süßkartoffeln statt „normaler“ Kartoffeln.
Wenig Fett. Kein Zucker.

Obwohl sie in meiner Wahrnehmung schnell und auf erstaunliche Weise Frieden mit ihrer Diagnose und Prognose gefunden hatte, war dies wohl ein kleines Zeichen dafür, dass ein Teil von ihr in diesem Leben bleiben wollte. Noch nicht „nach Hause gehen“ wollte.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem auch ihre Eltern zu Besuch kamen und ihre Mutter eine ihrer Lieblingsspeisen gekocht hatte.

Es schmeckte allen gut und so saßen wir an einem sommerlichen Tag im August gemeinsam um den Küchentisch und aßen ein typisches Weihnachtsgericht.

Die Stimmung war heiter und dennoch stand dieser Elefant mit im Raum.

Es fühlte sich an wie eine Hilflosigkeit. Wie ein Wiederherstellen von etwas, das es so nicht mehr gab. Oder einfach wie ein Moment, in dem wir vergessen wollten, was war.

Claudia lachte und aß viel. Danach war ihr schlecht und sie bekam Schmerzen.

Ihr Lachen blieb.

So auch, nachdem sie ein Stück Friesentorte gegessen hatte, das Julian und ich – neben weiteren Kuchenstücken – auf ihren Wunsch hin besorgt hatten.

Wieder realisierte sie auf schmerzhafte Weise, dass aufgrund ihrer Erkrankung viele Dinge für sie nicht mehr zu verdauen waren.

Anfang August, als wir telefonierten, war ihre Sehnsucht nach Pasta und Pizza groß, sodass Julian und sie einen Abend mit diesen „Schweinereien“ planten und wahr werden ließen.

Am Tag danach sprachen wir kurz und sie sagte:

„Ich dachte, ich sterbe jetzt schon.“

Da war wieder ihre humorvolle Art, die ich bis zum Schluss so sehr bewundert habe.

Humor ist und bleibt einfach eine gute Medizin.

Da ich selbst wahnsinnig gerne koche und es so gut tat, vor Ort für Claudia etwas tun zu können, habe ich es sehr genossen, leckere Frühstücke mit Buchweizenpfannkuchen vorzubereiten.

Es war schön, den Tisch zu decken und auch abends Dinge vorzubereiten, die sie mochte und die ihr noch bekömmlich waren.

Der Käse erhielt in kleinen Mengen übrigens schnell wieder Einzug und so gab es in dieser Augustwoche fast täglich Feta mit Orangen.

Zuhause sterben und selbst bestimmen dürfen

Wie mit dem Essen, so war es mit vielen Dingen:

Spaziergänge mit ihren Jungs Lasko und Bono, Ausflüge zum Strand… – all das wurde mühsam und teils unmögloch.

Dabei war sie erst im Mai mit ihren beiden Hunden in Holland am Meer gewesen und täglich mehrere Kilometer spaziert. Das liebte sie. Das war ihr Alltag.

Aufgrund ihrer zunehmenden Schwäche konnte sie mit den beiden nicht mehr gehen und Julian übernahm diese Aufgabe.

Vor Strandausflügen, die ihr ebenso wichtig waren, war sie nur schwer zu überzeugen.

Ein Teil von ihr trug diese Sehnsucht in sich:

Das Meer sehen.
Die salzige Luft einatmen.
Die Füße in den Sand stecken.

Gleichzeitig wusste sie, dass es nicht mehr sein würde wie vorher.

Obwohl es möglich gewesen wäre, hat sie unsere Vorschläge, zum Strand zu fahren, bis auf ein einziges Mal während der Augustwoche, abgelehnt.

Hin und wieder haben wir versucht, sie davon zu überzeugen, dass es möglich wäre – nur eben anders als vorher.

Doch sie lehnte ab.

Auch wenn es schwierig war, das mitanzusehen und auszuhalten, lernte ich schnell, genau das zu akzeptieren.

Das ist Selbstbestimmung.

Und genau das wünschte sie sich.

Ich glaube, genau deshalb war ihr Wunsch, zuhause sterben zu dürfen, so stark.

Dabei war es egal, was Julian oder ich für „richtig“ hielten. Es war Claudias Leben und sie sollte frei entscheiden dürfen.

Zuhause sterben statt Therapie um jeden Preis

Kurz nachdem sie im Juli ihre Diagnose bekommen hatte, fanden Arztgespräche statt.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Macht es Sinn?
Will sie das überhaupt?

Sie sagte mir – und das war so sehr sie. So klar. So reflektiert:

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals darüber nachdenke, ob ich eine Therapie machen werde oder nicht. Denn ich weiß, dass ich es nicht möchte. Doch es ist erstaunlich: Jetzt, wo ich in der Situation drin stecke, kommen doch Zweifel. Aber ich weiß, dass wenn ich mich dafür entscheide, dann ist es eine Entscheidung aus der Angst heraus. Ich entscheide mich dagegen. Ich habe keine Angst. Ich gehe nach Hause.“

Dennoch wollte ein Teil in ihr nicht tatenlos zusehen.

Gegenüber alternativen Therapien war sie überwiegend offen, wobei schnell klar wurde, dass es unzählige Möglichkeiten und Tipps gibt, was „man so machen kann“.

Misteltherapie, Pilze, Ernährungsumstellung, CBD, CDL…

Das Maß war jedoch schnell voll – verständlicherweise.

In ihrer herrlich humorvollen und leicht verpeilten Art saß sie vor mir am Küchentisch und hatte Probleme, den Überblick darüber zu behalten, was sie wann und wie viel davon nehmen soll.

Neben den alternativen Mitteln hatte sie aufgrund der zunehmenden Schmerzen natürlich auch die üblichen Schmerzmittel verschrieben bekommen, die eher schlecht als recht Wirkung zeigten.

Es war alles diffus. Zuviel.

Und das, obwohl Claudia Ordnung liebte.

Schmerzen und Übelkeit wurden ihre steten Begleiter. Auch Fieberschübe zeigten sich.

Tage, an denen sie einfach nur erschöpft war. Und solche, an denen all ihre Lebensgeister die Zügel fest in den Händen hielten und sie ihr Jungs kämmte, Staub saugte und voller Tatendrang Dinge organisierte.

So schön diese Tage bzw. Momente waren, so klar wurde immer wieder, dass nichts mehr ist wie vorher.

Neben der Normalität, die wir und vor allem Claudia halten wollten, lag es nahe, dass innerhalb kürzester Zeit ein ambulantes Palliativteam mit einbezogen wurde.

Denn zuhause sterben zu können, braucht oft nicht nur den Wunsch danach – sondern auch Unterstützung.

Wenn zuhause sterben plötzlich konkret wird

An einem Dienstag saßen wir nun zu viert am Küchentisch.

Claudia, eine Koordinatorin vom SAPV-Team, Julian und ich.

Natürlich hätten wir sie auch alleine mit ihr gelassen, doch Claudia sagte, es sei besser, wenn wir dabei wären, da sie bestimmt etwas vergisst zu fragen oder nicht richtig versteht.

Anders als „normal“ bzw. in unserem Alter üblich im Café oder sonst wo, fanden wir uns nun in dieser Situation wieder.

„Wie lange hab ich denn noch?“

„Wochen. Vier Wochen sind Wochen und 12 oder 16 Wochen – also drei oder vier Monate – sind es auch.“

„Hm… okay…“

„Machen Sie das, was jetzt noch geht, JETZT! Warten Sie nicht!“

Das war wieder einer dieser Momente, in denen alles greifbar nah war.

Kein Traum. Kein schlechter Witz.

Meine Gedanken und Gefühle bewegten sich irgendwo zwischen Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit, Mitleid und Aktionismus.

Ich spüre diesen Kloß im Hals, den ich während dem Gespräch hatte, noch heute.

Claudia hingegen wirkte so klar und präsent. Sie spürte, wie sehr sie und ihr Körper sich veränderten.

„Diese Schmerzen machen es leichter zu gehen.“

Dennoch sollten die Schmerzen natürlich nicht einfach hingenommen werden, sodass sie zeitnah durch einen Palliativarzt individuell medikamentös eingestellt wurde.

Ein Rollstuhl zog ein.

Die Notwendigkeit eines Duschlifters und Toilettenstuhls in naher Zukunft wurde ebenfalls besprochen.

Spätestens da wurde klar, dass zuhause sterben nicht einfach nur ein Wunsch war – sondern ein Weg, der nun konkret vorbereitet wurde.

Ein bisschen Normalität – trotz allem

Nicht selten verbrachten wir vermeintlich normale Momente.

An einem Abend zum Beispiel kam ihr Patenkind zu Besuch. Ich habe etwas für uns alle gekocht und wir aßen gemeinsam.

Danach kamen wir auf unsere Zeit in Köln und hörten Musik, zu der wir vor 20 Jahren feiern gegangen sind. Claudia drehte sie laut auf.

Bei „The Roof is on fire“ sagte sie:

„Wenn ich tot bin, müsst ihr darauf einmal tanzen gehen.“

Der Abend war wunderschön – trotz des Wissens um die Wahrheit.

An einem anderen Abend schauten wir einen Film und knabberten Dinkelbrezeln.

Die Filmauswahl fiel auf „Soul“ – einen Animationsfilm über eine kleine Seele.

Kurzum: Ein Film über das Sterben und den Tod.

Der Film war wunderschön und zugegebenermaßen fragte ich mich zwischendrin, ob das irgendwie skurril oder unangemessen sei…

Doch Claudia hatte den Film selbst mit ausgesucht.

Zurück nach Portugal

So verging eine Woche und meine Abreise nahte.

Mir war klar, dass ich wiederkommen werde.

So buchte ich meinen Flug für den 1. Oktober – ohne Rückflugticket.

Wir verabredeten uns für diesen Tag, der nur fünf Wochen später war.

„Danke, dass du da warst. Ich habe mich mit dir schon immer so wohl gefühlt.“

Wir umarmten uns mit feuchten Augen.

Diese eine Woche war so voller kleiner Erlebnisse und Erfahrungen.

Was ich sehr spannend fand zu erfahren: Es war so viel leichter, mit der Situation umzugehen, als ich vor Ort war.

Anstatt Vorstellungen davon, wie es sein könnte oder wahrscheinlich ist, gab mir das Dort-Sein den ungeschminkten Blick auf das, was ist.

Frei von eigenen Interpretationen.

Die Zeit zwischen meiner Rückkehr nach Portugal und dem 1. Oktober erlebte ich bewusst und anders als sonst.

Ich genoss zum ersten Mal das kleine Dorf, in dem ich lebe, ohne das Bedürfnis, ständig irgendwohin fahren zu müssen.

Das Gefühl, etwas zu verpassen, war wie ausgelöscht.

Nach wie vor hielten wir Kontakt, wobei es schwieriger wurde. Claudia bekam recht viel Besuch, war zunehmend müder und brauchte mehr Ruhe.

Telefoniert haben wir dementsprechend weniger.

Ich habe ihr regelmäßig geschrieben und bekam nicht immer eine Antwort.

Aber das war ganz egal, denn:

„Wir werden verbuden sein – immer – egal, wie oft wir reden und egal, in welchem Seinszustand wir uns befinden.“

Über die Zeit ab dem 1. Oktober schreibe ich im dritten Teil. (Den ersten Teil ließt Du hier.)

Wenn Du Fragen hast oder DIch mitteilen möchtest, schreibe mir gerne eine Mail an hallo@anneisaac.de

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