…ich erinnere die Momente, nachdem Claudia gestorben ist, und richte die Frage darauf, was nach dem Tod mit dem Körper passiert.
Oder besser gesagt: Was mit ihrem Körper passiert ist.
Und was auch mit deinem und meinem Körper passiert, wenn wir tot sind.
Denn: Wir alle enden so.
Und ich denke, viele Menschen fragen sich, was nach dem Tod mit dem Körper passiert.
Inhalt
ToggleWas passiert nach dem Tod mit dem Körper?
Nachdem Claudia, wie in Teil 4 erzählt, ihre letzten Atemzüge genommen hat, ist eine Stille eingekehrt.
Es war ein wenig so, als wäre die Zeit für einen Moment stehen geblieben.
Auch ein Hauch von Fassungslosigkeit war präsent.
So bescheuert es auch klingen mag, aber während Julian Thimo, den Palliativpfleger, anrief, um ihm zu berichten, dass Claudia gerade gestorben ist, fing ich an, Geschirr zu spülen.
Ich habe mich oft gefragt, warum ich denn bloß so reagiert habe. Beim Lesen des Buches „Und plötzlich ist nichts mehr wie es war“ von Albi Roebke habe ich es verstanden.
Wenn solch überwältigende Situationen eintreffen, sucht der Mensch oft einen Anker. Etwas Normales.
Heute erkläre ich es mir so, dass das Spülen ein sicherer Raum war, in dem ich die neue Situation – die neue Realität – begreifen konnte, während ich selbstwirksam war. Etwas tat, das sich ganz normal anfühlte.
Nachdem dann alle Teller gespült waren, ging ich zurück zu Claudia und wir saßen bei ihr. Wir haben uns in den Arm genommen, geweint und den Moment neben Claudias Körper genossen.
Es war heilig. Es war intim. Es war wunderschön.
Und es war todsicher: Claudia ist jetzt tot.
Die Seele fehlte. Der Körper war leer. Kalt. Ohne Leben.
Die Seele war frei. Darauf hatte sie sich gefreut.
Kurze Zeit später kamen ihre Eltern, die Julian selbstverständlich direkt angerufen hatte.
Sie gingen zu ihr. Wir ließen sie natürlich alleine.
Es ging mir nah, als ich ihre Mutter laut weinen hörte.
So ist es einfach nicht „normal“, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt. Egal in welchem Alter.
Aber was ist in diesem Leben schon normal?
Nichts.
Außer, dass wir alle sterben werden.
Den Körper nach dem Tod ein letztes Mal waschen
Nachdem ihre Eltern eine Weile bei ihr waren, bat mich ihre Mutter, ihr dabei zu helfen, Claudia umzuziehen.
Ein bisschen überrascht war ich, da ich nicht damit gerechnet habe, dass sie mich dabei haben wollte. Ich ging davon aus, dass sie diesen Moment mit ihrer Tochter alleine haben möchte.
Ich stimmte zu und bereitete warmes Wasser vor, während ihre Mutter die von Claudia ausgewählte Kleidung bereitgelegt hat.
Da Claudia noch nicht allzu lange tot war, war ihr Körper noch weich. Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten.
So konnten wir ihren Körper ein letztes Mal in einer ruhigen und sehr besonderen Atmosphäre ohne viele Worte waschen. Von all den geschwitzten Schweißperlen befreien.
Es war so schön.
Und eine Ehre.
Leichenstarre – was passiert nach dem Tod mit dem Körper?
Wenn ein Mensch – oder auch ein Tier – stirbt, dann setzen alle Funktionen des Körpers aus.
Unter anderem wird durch den aussetzenden Stoffwechsel kein Adenosintriphosphat (ATP) mehr gebildet. Dadurch kann sich der Körper nicht mehr entspannen. Der Körper wird starr und kalt.
In der Regel tritt die Leichenstarre – schlaue Leute sagen Rigor Mortis – unter normalen Temperaturen circa 1 bis 2 Stunden nach dem Todeszeitpunkt ein und bleibt für 6 bis 12 Stunden bestehen. Dann beginnt sie sich wieder zu lösen, da erste Zersetzungsprozesse beginnen.
Da die Leichenstarre in Gesicht und Nacken beginnt und sich von dort über den Körper ausbreitet, ist es in vielen Fällen sinnvoll, dem verstorbenen Menschen nach dem Todeseintritt die Augen zu schließen und zum Beispiel einen nassen Waschlappen auf die Lider zu legen.
Denn häufig ist es so, dass die Augen nicht, so wie man es sich vorstellt und von Bildern kennt, vollständig geschlossen sind.
Da es ihrer Mutter wichtig war, Claudia zu waschen und umzuziehen – das hatten sie vorher besprochen –, haben wir das also noch an diesem Abend umgesetzt.
Das ist natürlich wie alles sehr individuell und nicht jeder kann oder möchte einen verstorbenen Menschen – Mutter, Vater, Schwester, Bruder, Oma, Opa, Freund oder Freundin …– waschen und umkleiden.
In diesem Fall übernimmt das auch ein Bestatter. Durch geübte Massagetechniken kann er sogar die Starre lösen und so den Körper auch während der aktiven Leichenstarre würdevoll versorgen.
…so endete dieser Abend spät und für mich mit einer Tiefkühlpizza.
Da ist sie wieder: die Normalität.
(Wobei es für mich nicht normal ist, nachts Pizza zu essen.)
Es folgte eine kurze Nacht mit Unterbrechungen, in denen ich mich fragte:
„Ist das jetzt echt wahr? Claudia ist tot?“
Ein Blick ins Nebenzimmer bestätigte das.
Der Morgen danach
Am Morgen waren Julian und ich früh wach und abwechselnd und auch immer wieder gemeinsam saßen wir bei ihr.
Mit Kaffee. Mit Musik. In Frieden.
Ich sprach mit ihr.
Dankte ihr für unsere Zeit und für diese Erfahrung.
Ich berührte sie und mittlerweile war sie eiskalt.
„Claudia, du bist jetzt echt tot!“
Ich spürte ihre Präsenz – ihre Seele war noch bei uns. Sie war nicht weg, nur anders da.
So verging der Morgen zeitlos und dennoch schlug die Uhr irgendwann 12 Uhr.
Ihre Eltern kamen und auch die Palliativärztin zur gesetzlich verpflichteten Leichenschau, um offiziell den Tod anhand eines Totenscheins mit Infos über Todeszeitpunkt und Ursache zu bescheinigen.
(Ohne Totenschein gibt es keine Sterbeurkunde.)
Wir trafen uns in der Küche und die Ärztin erklärte, was nun ansteht.
Sie fragte mich, ob ich sie bei der Untersuchung unterstützen kann, da der tote Körper teils noch einmal entkleidet und gewendet werden muss, um neben der Leichenstarre weitere sichere Todeszeichen zu bestätigen.
Wir verließen die Küche und betraten das Schlafzimmer still und würdevoll.
Die Ärztin prüfte zunächst die Leichenstarre.
Dann drehten wir Claudias Körper auf die Seite und machten den Rücken für einen Moment frei.
Dort zeigten sich bläulich-violette Flecken: Totenflecken.
Ich sprach mit Claudias Körper und sagte ihm, was hier gerade passiert.
Ich hatte das Gefühl, das muss so sein.
„Es ist schon verrückt, Claudia jetzt so zu sehen. So tot.“
„Tja, so enden wir alle eines Tages.“
„Ja, das stimmt.“
Totenflecken – warum entstehen sie nach dem Tod?
Die Totenflecken sind neben der Leichenstarre eines der sicheren Todeszeichen.
Da das Herz nicht mehr pumpt, fließt das Blut nicht mehr. Es sinkt mit der Schwerkraft nach unten.
Dadurch entstehen – in Größe und Lokalität individuell – bläulich-violette Flecken.
Die ersten Flecken können sich bereits nach 20 bis 30 Minuten zeigen. Die volle Ausprägung ist nach circa 16 Stunden nach Todeseintritt sichtbar.
Da das Blut aber für circa 24 Stunden noch mehr oder weniger flüssig ist, kann sich die Lage der Flecken auch noch einmal ändern.
Zum Beispiel, wenn ein toter Körper dauerhaft noch einmal umpositioniert wird. (Aus einer Seiten- in eine Rückenlage beispielsweise.)
Nachdem die Untersuchung abgeschlossen war, hat die Ärztin noch den Totenschein ausgefüllt und verabschiedete sich dann von uns.
Drei Stunden verblieben uns bis zum vereinbarten Termin um 16 Uhr. Dann sollten die Betatterinnen von dem von Claudia selbst ausgewählten Bestattungsinstitut „Himmelspforte“ aus Itzehoe kommen.
Der Tag war so intensiv und sonderbar – ich weiß gar nicht mehr, was ich in der Zwischenzeit gemacht habe.
Wahrscheinlich etwas Normales.
Etwas, das meine Füße auf dem Boden hielt.
War ich spazieren?
Hab ich sogar etwas gearbeitet?
Ich weiß es nicht mehr…
Claudias Körper war zumindest nicht alleine.
Ihre beiden Jungs und ihre Eltern waren da. Und der Raum gehörte jetzt ihnen.
16 Uhr – die Bestatterinnen kamen
Ich schaute aus dem Fenster und sah das große schwarze Auto um die Ecke kommen.
„Jetzt wird Claudia abgeholt.“
Die beiden Bestatterinnen waren unfassbar einfühlsam und trotz ihrer Routinen ein wenig berührt.
„Es ist einfach nicht „normal“, wenn so junge Menschen sterben.“
Vor allem wussten sie, wie besonders Claudia war. Eine ihrer Kolleginnen durfte sie intensiver kennenlernen, als sie ihre eigene Seebestattung mit ihr geplant hat.
Da das Treppenhaus sehr eng war, war es nicht möglich, den Sarg ins Schlafzimmer zu tragen.
So wurde Claudias Körper in ein weißes Tuch gewickelt und in diesem nach unten getragen.
Diesen Anblick werde ich NIE vergessen.
Unten im Flur stand der offene Sarg und ich durfte, bevor sie Claudia hineinlegten, ihr Kopfkissen platzieren.
Dann wurde sie mit ihrer Lieblingsdecke zugedeckt. Das war ihr wichtig. Das wussten wir.
Und dann lag sie da.
Im Sarg.
In ihrer Wohnung.
Tot.
Ich musste an den Moment während unserer Ausbildung vor über 20 Jahren denken:
Wir besuchten mit der Klasse ein Bestattungsinstitut und waren die einzigen zwei von vielen, die sich in den dort aufgestellten Sarg gelegt haben.
Damals haben wir gelacht.
Heute waren da Tränen. Und ein Lächeln.
Dann schloss sich der Sarg und die beiden Bestatterinnen brachten ihn zum Auto.
Sie schlossen den Kofferraum. Verbeugten sich vor der geschlossenen Tür und fuhren langsam los.
Die Zeit stand still.
Mit Julian stand ich im Garten neben der Einfahrt.
Wir schauten ihr hinterher.
„Gute Reise, Claudia! Mach’s gut!“
Irgendwas fiel von mir.
Es war ein Moment wie kein anderer.
Claudias Eltern verabschiedeten sich schnell von uns. Sie konnten da nicht bleiben. Zu tief war der Schmerz.
Julian und ich tauschten uns aus.
Ließen Gefühle da sein.
Sandra kam vorbei.
Wir saßen zu dritt in der Küche. Erzählten. Fanden uns in der neuen Realität ein.
Irgendwann wurde es Abend.
Dieser Tag ging zu Ende.
Zurück ins normale Leben
Am nächsten Morgen wurde ich wach und stand neben mir.
Ich hatte den Halt verloren.
Wusste nicht mehr, was ich tun soll.
Wohin mit mir?
Was tun?
Ich war ein wenig wie gelähmt.
Meine Freundin Eugenie schrieb mir:
„Steh auf! Zieh dich an! Geh los! Geh in ein Café! Iss ein Stück Kuchen. Trink Kaffee.“
Für diesen Schubs war ich so dankbar.
Es war etwas, was mir Richtung gab.
Ich tat genau das und es war unfassbar gut.
Es war ein Schritt zurück ins „normale“ Leben.
Raus aus diesem Film, der keiner war.
Die Geschichte ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende erzählt und das wird sie, glaube ich, auch niemals sein.
Denn seit dieser Erfahrung hat sich so viel verändert.
Ich habe mich wiedergefunden. Meine Mission. Ich habe das Leben neu entdeckt.
Ich denke täglich an Claudia.
Sie ist nie ganz weg.
Und immer, wenn ich einen gelben Schmetterling sehe, dann ist sie ganz nah.
Denn an einem der letzten Tage, an dem sie klar und bewusst mit uns sprach, fragte sie mich in einem ruhigen Moment zu zweit nach einem Zeichen, das ich ihr sagen soll.
Das wird sie sich merken und mir senden von dort, wo sie bald sein wird.
„Ein gelber Schmetterling.“
„Okay, ein gelber Schmetterling. Das merke ich mir.“
…, dass, was nach dem Tod mit dem Körper passiert, lässt sich medizinisch erklären.
Wie es sich anfühlt, dabei zu sein, hingegen kaum.
Aber es ist wertvoll. Lebenah. Unverschämt echt.
Ich bin davon überzeugt, dass wir uns nicht nur fragen sollten, was mit dem Körper nach dem Tod passiert, sondern auch, was vor dem Tod passiert.
Und das heißt: Was jetzt passiert!
Wir befinden uns alle vor unserem Tod.
Claudia war und ist mir ein Beispiel, eine Lehrerin, eine Inspirationsquelle.
Sie hat die Themen Sterben und Tod in ihr Leben gelassen. Sie hat sich damit auseinandergesetzt. Den Tod angenommen und ihn nicht als Ende gesehen.
Sie ist nach Hause gegangen.
Und dort ist sie jetzt, mit vielen vielen anderen Seelen, die auf uns herunterblicken und uns irgendwann begrüßen werden in ihrer Welt.
In between – der Newsletter
Für alle, die dem Tod einen freundlichen Platz im Leben geben möchten.
Es ist nie zu früh und irgendwann zu spät.
