Nicht selten, wenn ich von meiner Ausbildung berichte, die im Herbst beginnt, schauen mich daraufhin zwei große, fragende Augen an.
„Eine Sterbeamme? Krass! Was ist das denn? Davon habe ich ja noch nie gehört.“
Möglicherweise hat Dich genau diese Frage hierhergeführt.
Um Licht ins Dunkle zu bringen und damit Du besser verstehst, was ich „werde“, schreibe ich diesen Artikel. Einen Artikel, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat und natürlich noch nicht von meinen persönlichen Erfahrungen als Sterbeamme profitieren kann.
Heute in einem Jahr kann ich dazu bestimmt noch viel mehr schreiben…
Inhalt
ToggleWas ist eine Sterbeamme eigentlich?
„Sterbeamme“ mag Dir fremd sein. Unter einer Hebamme kannst Du Dir dagegen vermutlich sofort etwas vorstellen – und vielleicht ist Dir sogar schon einmal eine begegnet. 😉
Eine Hebamme ist für die Mutter und das Baby da, wenn ein Leben beginnt.
Eine Sterbeamme ist für die sterbende Person und die Nahestehenden da, wenn ein Leben zu Ende geht – und darüber hinaus oft auch in Form einer Trauerbegleitung.
Wenn eine lebensbedrohliche Diagnose im Raum steht, ist die Angst oft groß.
Gefühle wie Trauer, Wut, Schuld, Verzweiflung oder Überforderung zeigen sich nicht selten gleichzeitig.
Das kann nicht sein!
Was soll ich tun?
Wie geht es weiter?
Was kommt danach?
„Ich will nicht sterben.“
Oder: „Ich will nicht, dass … stirbt.“
Eine Sterbeamme begleitet – ähnlich wie eine Hebamme die Zeit vor der Geburt, die Geburt und die Nachsorge begleitet – den Übergang vom Leben in den Tod hinein.
Oder vielleicht besser gesagt:
in eine Anderswelt. In etwas, das für uns Lebende wohl immer ein Mysterium bleiben wird.
Sterbebegleitung bedeutet nicht nur „da sein“
Dabei bleibt eine Sterbeamme konfessionslos und begleitet den Menschen und sein Umfeld individuell.
So wie ich es privat immer wieder erleben durfte – zuletzt bei meiner Freundin Claudia – ist es oft weniger die Angst vor dem Tod selbst als die Angst vor dem Prozess des Sterbens.
Mein Onkel beispielsweise, der lange mit Krebs lebte, hatte keine Angst vor dem Tod an sich. Doch das Sterben fiel ihm hin und wieder schwer. Vor allem die Frage, wohin er geht.
In dem Moment, in dem er „seinen“ Platz gefunden hatte – sein neues Zuhause in einem Friedwald in der Eifel – konnte er loslassen.
Eine Woche, nachdem er seinen Baum gefunden hatte, hat er vom Leben losgelassen und seinen Körper verlassen.
Eine Sterbeamme richtet den Fokus auf das was ist und scheut nicht davor zurück, der Wahrheit – also dem Ist-Zustand – in die Augen zu schauen.
Sie unterstützt die sterbende Person dabei, Antworten auf die Frage zu finden, wie es nach dem Tod weitergehen könnte. Nicht im Sinne einer absoluten Wahrheit, sondern einer individuellen Antwort, die sich stimmig anfühlt.
Vielleicht sogar warm. Vielleicht voller Licht.
Abschied individuell gestalten
Außerdem richtet eine Sterbeamme gemeinsam mit dem sterbenden Menschen und den Angehörigen den Blick auf die Dinge, die noch möglich sind.
Zum Beispiel darauf, wie sich der Abschied individuell gestalten lässt.
Denn Sterben bedeutet nicht automatisch, dass keine Gestaltung mehr möglich ist.
Vielleicht gibt es noch einen letzten Wunsch.
Ein letztes Gespräch.
Eine Reise ans Meer.
Ein Lied.
Ein Ritual.
Oder einfach nur den Wunsch, zuhause zu sterben – statt in einer anonymen Umgebung.
Doch eine Sterbeamme motiviert auch dazu, zurückzublicken auf das, was war: das Leben.
Das Ziel dabei ist oft, einen friedlichen Abschluss zu finden. Vielleicht offene Themen zu klären. Zu verzeihen. Unausgesprochenes auszusprechen.
Und manchmal auch einfach gemeinsam still zu sein.
Auch Angehörige brauchen Begleitung
Nicht weniger ist eine Sterbeamme für nahestehende Personen da, die natürlich ebenfalls stark betroffen sind und deren Leben sich erheblich verändert, wenn ein geliebter Mensch verstirbt.
Die Trauer ist ein mächtiges Gefühl mit vielen Facetten.
Dabei gibt es kein richtiges oder falsches Trauern.
Jeder Mensch trauert anders.
Das weiß eine Sterbeamme und begleitet trauernde Menschen dabei, trotz des Verlusts weiterzuleben.
Glücklich.
Dankbar.
Bewusst.
Voller Erinnerungen.
Und vielleicht auch mit der Erkenntnis, dass Liebe nicht einfach verschwindet, nur weil ein Mensch nicht mehr körperlich da ist.
Warum ich Sterbeamme werden möchte
All das fühlt sich für mich nach genau dem an, wofür ich in diesem Leben hier bin.
Darum bin ich voller Neugier auf meine im November 2026 beginnende Ausbildung zur Sterbeamme bei Claudia Cardinal – und voller Dankbarkeit, dass meine Freundin Claudia mich auf gewisse Weise wieder an meine Aufgabe erinnert hat.
Vielleicht liest Du diesen Artikel gerade, weil Du selbst betroffen bist. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht auch, weil das Thema Sterben plötzlich näher gerückt ist, als Dir lieb ist.
So oder so: Schön, dass Du hier bist.
Wenn Du Fragen hast, Anmerkungen oder Dir sonst etwas auf der Zunge liegt, schreib mir gerne eine Mail an hallo@anneisaac.de
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Es ist nie zu früh und irgendwann zu spät.
