Nachdenkliche Frau auf der Couch – Gedanken zur eigenen Bestattung

Ich habe meine eigene Bestattung geplant 

Ich bin gesund. Werde bald 40. Und ich war alleine Zuhause. Draußen war es heiß – zwischen Planschbecken und Gartentisch im Schatten bin ich rotiert. Dabei habe ich meine eigene Bestattung geplant. Nicht spontan. Für diesen Tag hatte ich mir das fest vorgenommen und die damit verbunden Fragen und Ideen in mir wirken lassen.

Vor dem Wort Tod und den damit verbundenen Ereignissen laufen wir bekanntermaßen gerne weg. Das haben wir so gelernt. 

Gleichzeitig mögen wir es, selbstbestimmt zu sein, zu leben und zu sterben.

Stellt sich die Frage:

Wollen wir auch selbstbestimmt bestattet werden?

Ich kenne Deine persönliche Antwort darauf nicht.

Vielleicht ist es Dir egal, ob Dein Körper so, wie er ist, unter die Erde kommt oder ob er verbrannt wird. Wer dabei sein wird und wer nicht. Ob Musik läuft, die Du zu Lebzeiten niemals gehört hast oder ob Klänge den Raum füllen, die ein Teil Deines Lebens waren – vielleicht sogar eine Geschichte erzählen.

Ob es schwarzen Kaffee und Butterkuchen gibt oder Matcha Latte, Wein, Carrot Cake und Pizza.

Ob die Menschen schwarz tragen oder einfach das, wonach sie sich fühlen.

Ganz sicher ist es vielen Menschen egal. Und das darf so sein.

Mir geht es nicht so.

Und Dir vielleicht auch nicht.

Wenn Du Deine Bestattung selber planen möchtest, geht es dabei meiner Erfahrung nach um viel mehr als um Sarg, Urne oder Friedhof. Es geht um die Frage, wie sich Dein Abschied wirklich nach Dir anfühlen würde.

Wie habe ich meine eigene Bestattung geplant?

Es war, um ehrlich zu sein, recht simpel und dabei erstaunlich kreativ.

Ich habe ein Dokument erstellt und ihm den Titel „Meine Wünsche für meinen Abschied“ gegeben. Dann habe ich mich Step by Step durch verschiedene Situationen gefragt und vor allem gefühlt: Was wünsche ich mir eigentlich?

Nicht: Was macht man normalerweise? Wie sieht eine Beerdigung eigentlich aus? Was erwarten andere?

Sondern:

Was fühlt sich nach mir an?

Genau das fand ich beim Bestattung selber planen besonders interessant. 

Ziemlich schnell ging es nicht mehr nur um die Frage, ob ich verbrannt oder im Sarg beerdigt werden möchte.

Plötzlich ging es um Atmosphäre, Menschen, Musik, Natur, Essen, Nähe und Distanz. Und darum, wie mein Abschied aussehen könnte, wenn gesellschaftliche Vorstellungen für einen Moment keine Rolle spielen.

Ganz oben in meinem Dokument steht übrigens:

Dieses Dokument ist keine rechtlich bindende Anweisung, sondern mein persönlicher Wunsch für mein Sterben, meinen Abschied und meine Bestattung. Ich bitte die Menschen, die mich lieben, diese Wünsche nach Möglichkeit zu berücksichtigen.

Dieser Satz ist mir wichtig.

Warum, dazu später mehr.

Meine Bestattung planen beginnt für mich schon beim Sterben

Mein Dokument beginnt nicht mit meiner Beerdigung, sondern mit meinem Sterben, weil für mich beides zusammengehört. Es ist quasi die logische Aneinanderreihung unabdingbarer Ereignisse.

Wo würde ich gerne sterben, wenn ich es mir aussuchen könnte? Wer soll bei mir sein? Möchte ich viele Menschen um mich herum oder brauche ich Ruhe? Welche Atmosphäre würde mir guttun?

Ich wünsche mir beispielsweise, wenn es die Umstände zulassen, zuhause beziehungsweise in meinem privaten Umfeld zu sterben. Am liebsten mit Blick in ein Stück Natur, wenig Trubel und nur mit Menschen, die mir wirklich nahestehen. Kerzen, ruhige Musik, vielleicht sogar Vogelstimmen von draußen.

Natürlich weiß ich nicht, wie und wo ich irgendwann sterben werde. Vielleicht lassen sich meine Wünsche überhaupt nicht umsetzen.

Aber darum geht es mir auch nicht.

Ich finde den Gedanken schön, meinen nahestehendsten Menschen eine Orientierung zu hinterlassen, damit sie in einer ohnehin schwierigen Situation nicht auch noch überlegen müssen:

Was hätte Anne jetzt eigentlich gewollt?

Wenn Du Deine Bestattung planen möchtest, kannst Du deshalb schon einen Schritt vorher beginnen und Dich fragen:

Wie würde ich gerne meine letzten Tage verbringen, wenn ich Einfluss darauf nehmen könnte?

Was soll nach meinem Tod mit meinem Körper passieren?

Danach wurde es konkreter.

Möchte ich nach meinem Tod noch eine Zeit lang aufgebahrt werden? Dürfen und sollen Menschen meinen Körper noch einmal sehen und berühren? Welche Kleidung möchte ich tragen? Was darf mit in meinen Sarg? Möchte ich überhaupt einen Sarg oder eine Einäscherung?

Ich wünsche mir zum Beispiel aktuell eine Einäscherung. Vorher möchte ich, sofern es möglich ist, ungefähr zwei Tage aufgebahrt werden.

Für mich fühlt sich der Gedanke schön an, nach meinem Tod nicht möglichst schnell zu verschwinden. Mein totes Ich und die Menschen um mich herum sollen ein bisschen Zeit haben, um zu begreifen, dass ich tot bin und um sich zu verabschieden.

Auch bei den vermeintlich kleinen Dingen wurde mir schnell klar, was ich möchte.

Auf  oder in meinen Sarg würden für mich beispielsweise keine pompösen Blumengestecke gehören, sondern lieber selbstgepflückte Wild- oder Wiesenblumen.

Und ich möchte Kleidung tragen, die ich auch im Leben oft und gerne getragen habe.
Keine Festkleidung. Nichts Förmliches.

Die Person, die mich zu diesem Zeitpunkt am besten kennt, darf entscheiden, welche Kleidung sich wirklich nach mir anfühlt.

Beerdigung selber planen: Wo möchte ich eigentlich einmal hin?

Eine der offensichtlichsten Fragen beim Beerdigung selber planen ist natürlich die nach dem Ort.

Friedhof? Wald? Meer? Wiese? Fluss?…
Vielleicht eine Bestattungsform, die heute in Deutschland noch gar nicht möglich ist?

Bei mir war die Richtung ziemlich schnell klar:

Ich möchte zurück in die Natur.

Ob meine Asche irgendwann in einem See, einem Bach oder auf einer Wiese landet oder meine Urne an einem anderen naturnahen Ort beigesetzt wird, ist für mich weniger wichtig. Entscheidend ist für mich das Gefühl dahinter. Da dürfen vertraute Personen dann konkret entscheiden. 

Einen klassischen Grabstein brauche ich auf alle Fälle nicht.

Die Vorstellung, dass jeder Mensch seinen eigenen Ort findet, an dem er sich mit mir verbunden fühlt, finde ich schön. Denn ich kann ja auch nicht bestimmen, wo eine andere Person eine Verbindung spürt, denn das ist das Gefühl einer anderen Person.

Vielleicht findet mich jemand später an einem See. Eine andere bei einer Wildblume. Jemand hört einen Vogel und denkt an mich. Und wieder jemand backt einen Kuchen und erinnert sich plötzlich an irgendeinen völlig absurden gemeinsamen Nachmittag.

Völlig logisch, dass all das bei Dir vollkommen anders aussehen kann.
Vielleicht ist gerade ein fester Ort für Dich wichtig, an den Deine Familie später gehen kann.

Deshalb lohnt es sich, darüber nachzudenken.

Wie soll meine Abschiedsfeier aussehen?

Bei der Abschiedsfeier wurde es für mich besonders kreativ.

Wer soll überhaupt dabei sein? Welche Musik soll laufen? Was sollen die Menschen tragen? Soll jemand etwas sagen? Was wird gegessen und getrunken?

Ich möchte beispielsweise nicht, dass Menschen Schwarz tragen, weil sie glauben, dass man das auf einer Beerdigung eben so macht.

Ich wünsche mir Musik, die sich nach mir anfühlt. 80er-Hits dürfen genauso vorkommen wie East Forest, Klee, Ocie Elliot oder was auch immer sich zu diesem Zeitpunkt in meinen Spotify-Playlists befindet.

Absolut gar nicht wünsche ich mir einen klassischen Beerdigungskaffee, nur weil das dazugehört. Da „würd ich mich noch im Sarg umdrehen.“

Ich stelle mir Kuchen, Flammkuchen, Quiche oder einfach gutes Essen vor. Capuccino, ein bisschen Wein…
Und einfach Menschen, die zusammensitzen, sich Geschichten erzählen und sich erinnern.

Dabei darf geweint und gelacht werden.

Bestattung selber planen bedeutet für mich nicht, alles zu bestimmen

Während ich mein Dokument geschrieben habe, wurde mir ein Punkt besonders wichtig:

Selbstbestimmung bedeutet für mich nicht, meinen Angehörigen einen minutiösen Ablaufplan zu hinterlassen, den sie nach meinem Tod gefälligst abarbeiten müssen.

Denn irgendwann bin ich nicht mehr da.

Sie aber schon.

Sie sind diejenigen, die mit meinem Tod umgehen müssen. Und deshalb finde ich, dass auch ihre Bedürfnisse bei all meinen eigenen Wünschen Raum bekommen sollten.

Vielleicht möchte jemand etwas sagen. Vielleicht möchte jemand eine Playlist erstellen, Blumen aussuchen, etwas kochen oder einen Kuchen backen. Die Urne tragen…Gerne!

Dieses aktive Tun ist für viele Menschen unfassbar wichtig, um Tod und Trauer zu verarbeiten. Stichwort: Selbstwirksamkeit.

In einer Situation, in der wir eigentlich vollkommen machtlos sind, entsteht dadurch zumindest ein kleiner Raum, in dem wir selbst wirksam werden können.

Das möchte ich den Menschen, die unter meinem Tod trauern, nicht wegplanen.

Deshalb soll mein Dokument einen Rahmen geben, aber keinen starren Ablauf. Es sagt im Grunde:

Das bin ich. Das ist mir wichtig. So könnte sich mein Abschied nach mir anfühlen.

Wo bewahre ich meine Wünsche für die Bestattung auf?

Ein Dokument über die eigene Bestattung bringt natürlich relativ wenig, wenn es nach dem Tod irgendwo auf dem Laptop liegt und niemand weiß, dass es existiert.

Deshalb habe ich mein Dokument zwei Menschen gegeben, denen ich vertraue und die mich gut kennen.

Es sind gleichzeitig die Personen, die ich als meine Vorsorgebevollmächtigten benannt habe.

Mir war wichtig, dass meine Wünsche nicht nur irgendwo abgespeichert sind, sondern bei den Menschen ankommen, die im Ernstfall tatsächlich Entscheidungen treffen oder Dinge organisieren müssen.

So wissen sie, was mir wichtig ist und müssen nicht alles aus Vermutungen zusammensetzen.

Wenn Du Deine Bestattung selber planen möchtest, würde ich deshalb nicht nur überlegen, was Du Dir wünschst, sondern auch:

Wer sollte davon wissen?

Du musst das Dokument ja nicht beim nächsten Familienessen feierlich verteilen.

Aber mindestens ein oder zwei Menschen sollten wissen, dass es existiert und wo sie es finden. Für den Fall der Fälle.

Welche Fragen helfen, wenn Du Deine Bestattung selber planen möchtest?

Und? Hast Du  Lust bekommen, Dir selbst so ein Dokument anzulegen?

Du brauchst dafür meiner Meinung nach kein perfektes Formular. Öffne ein leeres Dokument oder nimm Dir ein Blatt Papier und beginne einfach mit den Fragen, die sich für Dich wichtig anfühlen.

Zum Beispiel:

Wie möchte ich sterben, wenn ich Einfluss darauf nehmen kann?
Wo möchte ich sein? Wer soll bei mir sein? Wünsche ich mir Ruhe oder viele Menschen um mich herum? Welche Atmosphäre würde mir guttun?

Was wünsche ich mir für die Zeit nach meinem Tod?
Möchte ich aufgebahrt werden? Sollen meine Angehörigen meinen Körper noch einmal sehen können? Welche Kleidung möchte ich tragen? Gibt es etwas, das mit in meinen Sarg soll?

Wie möchte ich bestattet werden?
Möchte ich eingeäschert oder im Sarg beigesetzt werden? Wo möchte ich meine letzte Ruhe finden? Ist mir ein fester Erinnerungsort wichtig?

Wie soll meine Abschiedsfeier aussehen?
Wer soll dabei sein? Welche Musik soll laufen? Was soll gegessen und getrunken werden? Welche Stimmung wünsche ich mir?

Wer sollte meine Wünsche kennen?
Welche Menschen vertraue ich so sehr, dass ich ihnen mein Dokument geben möchte? Wissen sie, wo wichtige Unterlagen liegen?

Und auch:

Was möchte ich selbst bestimmen – und was möchte ich bewusst den Menschen überlassen, die nach meinem Tod weiterleben?

Vielleicht ist genau diese letzte Frage eine der wichtigsten.

Muss meine selbst geplante Bestattung später genauso stattfinden?

Nein. Denn vielleicht gibt es triftige Gründe, warum es so nicht möglich ist.

Ich weiß nicht wie, wo und wann ich sterbe. Möglicherweise haben Gesetze sich geändert. Oder die Umstände lassen bestimmte Dinge nicht zu.

Gut möglich, dass sich auch meine Meinung nochmal ändert. Deshalb möchte ich mein Dokument auch nicht nur einmal schreiben und dann für die nächsten 40 Jahre irgendwo vergessen.

Es darf sich verändern. So wie sich mein Leben verändert.
Ich kann es updaten und die zwei Menschen auf dem Laufenden halten. 

Dadurch, dass zwei Menschen meines Vertrauens das Dokument kennen, besteht eine gute Chance, dass meine Wünsche, eines Tages tatsächlich berücksichtigt werden können.

Warum ich meine Bestattung geplant habe, obwohl ich gesund bin


Erscheint Dir die Vorstellung, Dich jetzt mit Deiner eigenen Beerdigung zu beschäftigen, immer noch vollkommen absurd und ungemütlich?

Für mich war es wirklich das Gegenteil:

Es überhaupt nicht bedrückend.

Es war kreativ, interessant und überraschend lebendig.

Denn während ich meine Bestattung selber geplant habe, habe ich mich zwangsläufig damit beschäftigt, was mir wichtig ist.

Welche Menschen. Welche Orte. Welche Musik. Welche Atmosphäre. Welche Form von Abschied.

Und vielleicht ist die Beschäftigung mit der eigenen Bestattung deshalb gar nicht ausschließlich eine Beschäftigung mit dem Ende.

Sondern auch eine ziemlich direkte Begegnung mit dem eigenen Leben.

Ich saß jedenfalls irgendwann immer noch gut gelaunt im Garten. Gestorben bin ich davon offensichtlich nicht.

Aber: Ich habe ich mich dabei nochmal ein kleines bisschen besser kennengelernt.

Und alleine das ist doch ein guter Grund, oder?

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