Die Angst vorm Sterben überwinden – geht das überhaupt?
Ich glaube, wir können das Sterben selbst nicht lernen.
Aber vielleicht können wir im Leben etwas üben, das uns darauf vorbereitet.
Loslassen.
Immer wieder.
Je mehr ich mich mit Sterben und Tod beschäftige und mich auf meinen Weg zur Sterbeamme begebe, desto häufiger taucht in mir ein Gedanke auf:
Vielleicht ist das ganze Leben eine Komfortzone.
Eine riesige Komfortzone, in der sich viele kleinere befinden.
Eine Beziehung.
Ein Job.
Ein Wohnort.
Ein Alltag, den wir kennen.
Eine Version von uns selbst, an die wir uns gewöhnt haben.
Inhalt
ToggleWarum wir unsere Komfortzone so selten verlassen
Komfortzone klingt oft nach etwas Schönem. Nach Gemütlichkeit und Sicherheit.
Doch manchmal ist eine Komfortzone gar nicht komfortabel.
Vielleicht sind wir darin traurig. Fühlen uns unwohl. Spüren schon lange, dass etwas nicht mehr zu uns passt.
Und trotzdem bleiben wir.
Weil wir wissen, was uns dort erwartet.
Oder zumindest glauben, es zu wissen.
Außerhalb dieser vertrauten Zone wartet die Unsicherheit.
Wir können nicht kontrollieren, was passieren wird.
Wir wissen nicht, ob unsere Entscheidung richtig ist.
Ob wir scheitern.
Ob wir etwas verlieren.
Ob das Neue wirklich besser wird.
Also verharren wir manchmal lieber in etwas Bekanntem, das uns nicht guttut, als einen Schritt in etwas Unbekanntes zu wagen.
Ich kenne das selbst sehr gut.
Jedes Loslassen ist ein kleiner Abschied
Und gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich in meinem Leben schon mehrmals den Mut hatte, meine Komfortzone zu verlassen.
Als ich nach Portugal ausgewandert bin, wusste ich nicht, wie mein Leben dort aussehen würde.
Ich wusste nicht, ob ich mich zu Hause fühlen würde.
Ob alles funktionieren würde.
Ob ich bleiben oder irgendwann wieder gehen würde.
Das weiß ich bis heute nicht. Vielleicht verlasse ich die neue Komfortzone irgendwann wieder.
Vor 6 Jahren bin ich trotzdem gesprungen, weil etwas in mir wusste, dass ich diesen Schritt gehen musste.
Vielleicht ist genau das Leben:
Sich immer wieder aus dem Bekannten herauszubewegen.
Dinge auszuprobieren.
Entscheidungen zu verändern.
Sich selbst neu kennenzulernen.
Manchmal zu scheitern.
Manchmal zurückzugehen.
Und manchmal erst außerhalb der eigenen Komfortzone zu spüren, wie nah man sich selbst plötzlich ist.
Vielleicht lernen wir auf diese Weise sogar ein kleines bisschen zu sterben.
Nicht im Sinne eines Verschwindens.
Sondern indem wir üben, loszulassen.
Das Vertraute.
Die Kontrolle.
Eine alte Vorstellung von uns selbst.
Ein Leben, das nicht mehr zu uns passt.
Jedes Verlassen einer Komfortzone ist auch ein kleiner Abschied.
Etwas endet, ohne dass wir schon genau wissen, was danach beginnt.
Wir gehen in die Unsicherheit.
In das Unbekannte.
Und vertrauen darauf, dass wir auch dort einen Weg finden werden.
Wie sehr Loslassen und Abschied zum Leben gehören, habe ich auch während der letzten Tage vor dem Tod meiner Freundin erfahren.
Kann man die Angst vorm Sterben überwinden?
Ich wünsche mir für mein Leben ein buntes Leben.
Kein perfektes.
Kein schmerzfreies. Denn dafür ist es schon lange zu spät.
Kein Leben, in dem jede Entscheidung richtig war. Denn auch dafür ist es zu spät.
Aber eines, in dem ich mich getraut habe.
Eines, auf das ich am Ende zurückblicken und sagen kann:
Ich habe nicht nur dort ausgeharrt, wo es sicher war.
Ich bin meiner Neugier gefolgt.
Meiner Sehnsucht.
Mir selbst.
Denn das Leben verändert sich ständig.
Und vielleicht beginnt etwas Neues genau dort, wo unsere vermeintliche Sicherheit endet.
Und dann ist da noch eine viel größere Grenze.
Wenn wir das Leben als eine riesige Komfortzone betrachten, ist der Tod der Schritt hinaus aus allem, was wir kennen.
Im Leben wissen wir zumindest ungefähr, was Leben bedeutet.
Wir kennen unseren Körper.
Unsere Gedanken.
Unsere Menschen.
Unsere Welt.
Was danach kommt, wissen wir nicht.
Der Tod ist das große Unbekannte.
Genau deshalb glaube ich, dass viele Menschen Angst vorm Sterben haben.
Nicht unbedingt vor dem Tod selbst.
Sondern vor dem Unbekannten.
Ein Teil dieser Angst hängt vielleicht auch damit zusammen, dass wir nicht wissen, was nach dem Tod mit unserem Körper passiert.
Angst vorm Sterben überwinden – vielleicht beginnt sie mit dem Leben
Vielleicht können wir das Sterben nicht lernen.
Aber vielleicht können wir uns im Leben immer wieder darin üben, loszulassen.
Uns dem Unbekannten anzuvertrauen.
Etwas hinter uns zu lassen, ohne zu wissen, was vor uns liegt.
Vielleicht ist genau das der erste Schritt, um die Angst vorm Sterben zu überwinden.
Nicht, weil die Angst verschwindet.
Sondern weil wir Vertrauen entwickeln.
In das Leben.
In Veränderung.
In den Tod.
In das, was danach kommt.
Vielleicht lernen wir zu sterben, indem wir uns trauen, wirklich zu leben.
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Für alle, die dem Tod einen freundlichen Platz im Leben geben möchten.
Es ist nie zu früh und irgendwann zu spät.
